Beim schnellen Spielen üben wird häufig so getan, als gäbe es eine geheime Formel. Alle, die diese kennen, wissen wie es funktioniert. Spätestens mit diesem Beitrag ist damit Schluss. Du lernst Praxistipps von Hobby-Musiker*innen kennen, ich zeige dir, was die Wissenschaft zu diesem Thema sagt und wie die beiden Profis Tabea Zimmermann und Simon Höfele in ihrem Übe-Alltag schnelle Passagen üben.
Wenig Themen faszinieren uns Musikerinnen und Musiker wahrscheinlich so sehr, wie dieses während sie gleichzeitig beim Üben regelmäßig Kopfzerbrechen – oder eher Fingerzerbrechen auslösen. Zeit also einen genaueren Blick auf dieses Thema zu werfen und vor allem zu schauen, was die Wissenschaft zum Tempo steigern auf dem Instrument sagt.
Wie kann ich schneller spielen lernen?
Um schnelle Passagen effizient zu üben, hilft es verschiedene Übe-Methoden zu kombinieren. Dazu zählt insbesondere das langsame Üben, um die Tonfolge bewusst und fehlerfrei zu erarbeiten. Gleichzeitig ist es allerdings wichtig bereits früh kleine Gruppen der Passage im Zieltempo zu üben.
Langsam oder schnell üben? – Das sagt die Wissenschaft
Tatsächlich existieren gar nicht so viele Studien rund um dieses Thema. Das bestätigte mir auch nochmal Prof. Dr. Eckart Altenmüller, mit dem ich während der Recherche Kontakt hatte. Der Grund dafür ist recht simpel: Methodisch ist diese Fragestellung nicht so leicht zu untersuchen.
In der Studie von Shinichi Furuya aus dem Jahr 2015 wurden 24 Pianist*innen gebeten eine 2-Ton-Figur mit Daumen und kleinem Finger so schnell wie möglich zu spielen. Die Forscher*innen konnten dabei beobachten, wie sehr sich langsames von schnellem Spiel unterscheidet.
Unsere Ergebnisse zeigten, dass zwei Faktoren individuelle Unterschiede in der Anschlaggeschwindigkeit vorhersagten: die maximale Geschwindigkeit beim Tippen mit einem Finger und die maximale Kraft der Ellenbogenstreckmuskeln. (…) Die Korrelation zwischen der Fingertippgeschwindigkeit und der maximalen Geschwindigkeit bei wiederholten Klaviertastenanschlägen deutet auf einen gemeinsamen motorischen Kontrollmechanismus zwischen diesen Aufgaben hin.
(übersetzt aus: Furuya et al., 2015)
Der Phasenwechsel, also der Übergang zwischen Gehen und Laufen, beschreibt dieses Phänomen sehr gut.
Fängt man an, zu gehen und das Tempo allmählich zu steigern wird man früher oder später an einen Punkt stoßen, an dem man unweigerlich beginnt zu Laufen. Um nämlich über ein gewisses Tempo hinaus zu kommen, muss unser Körper eine neue Bewegungsform – also das Laufen – wählen. Automatisierte, schnelle Bewegungen speichert unser Gehirn nämlich in den Basalganglien, während geführte langsame Bewegungen in der sogenannten SMA (also der Supplemntäre Motorische Area) gespeichert werden.
Auf YouTube findest du eine interessante Masterclass von Eckart Altenmüller zu diesem Thema.
Muss man schnelle Passagen von Anfang an schnell üben?
Die musikalische Praxis der letzten Jahrhunderte hat gezeigt, wie sinnvoll es ist Passagen bereits früh im Zieltempo zu üben. Sehen kann man das bereits in den Cortot-Ausgaben zu Chopins Etüde Op. 10 Nr. 1. Ein Beispiel, das Eckart Altenmüller auch in seiner Masterclass zitiert.

Damit das gelingt gilt es folgende Dinge zu beachten:
Chunking: Wie du schnelle Passagen in kleinen Gruppen übst
Um bereits möglichst früh im Übeprozess schnelle Passagen fehlerfrei im Zieltempo zu spielen, zerlegt man die Phrase in kleine Gruppen. Das können 2-Ton, 4-Ton oder noch größere Ton-Kombinationen sein. Es empfiehlt sich immer auch den Anschlusston (ersten Ton der nächsten Gruppe) mit zu üben. Das wissenschaftliche Prinzip dahinter nennt man Chunking. Vereinfacht könnte man sagen, dass unser Gehirn die Notenfolge nicht als Folge von Einzeltönen speichert, sondern die Gruppe an sich. Auch im Notenbeispiel der Cortot-Ausgabe wird das am C-Dur Arpeggio deutlich.
Open und Closed Loop – Wie schnelle und langsame Bewegungen verarbeitet werden
In diesem Zusammenhang spricht man auch oft von open und closed loop. Übt man eine Gruppe von Tönen als Chunk im Endtempo, befinden wir uns im open loop. Hier ist keine Korrektur der Einzeltöne möglich, da die Ausführung gewissermaßen als ballistische Bewegung durchgeführt wird. Tabea Zimmermann nannte das ein „möglichst reflexhaftes, schnelles Spiel“.
Spielt man die Gruppe dagegen so langsam, dass eine Korrektur jeder einzelnen Note möglich wäre, befinden wir uns im closed loop.


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Schnell üben wie die Profis
Tabea Zimmermann
„Für schnelle Läufe empfiehlt es sich, nur eine langsame Variante zu erarbeiten, um sich genau die Töne und ihre Intervallabfolgen zu merken und dann in Gruppen zu üben. Damit die Geschwindigkeit von Anfang an einen fortlaufenden Fluss erzeugen kann.
Also kleine Gruppen mit einem Ziel, dann größere Gruppen mit einem Ziel, dann vielleicht die letzte Gruppe zuerst üben, dann eine davor. Immer auf die Zielnote hinarbeiten und ein möglichst reflexhaftes, schnelles Spiel trainieren. Die Gruppen nur so groß wählen, dass man diese fehlerfrei abspielen kann und dann durch mehr Noten ergänzen.“
(Tabea Zimmermann)
Tabea Zimmermann beschreibt hier sehr anschaulich, wie sie schnelle Passagen durch das Üben kleiner Tongruppen (Chunking) erarbeitet. Durch den Wechsel zwischen präzisem und genauem Erarbeiten im langsamen Tempo (closed loop) und dem ballistischen, reflexhaften Spielen im Zieltempo legt sie früh genau den Grundstein, den unser Gehirn für einen optimalen Lernerfolg im schnellen Tempo benötigt.
Simon Höfele
„Deine Frage war, auf was ich achte, wenn ich schnelle Töne übe.
Auf Luft.
Der Luftfluss muss durchgehen. Und vor allem langsam üben.
Auch mal die linke Hand benutzen, langsam den Lauf üben und dann wieder auf rechts wechseln. Das Tempo langsam steigern, am besten mit Metronom, peu à peu.
Wenn es angestoßen ist und nicht legato, dann besonders auf die Luftführung achten. Meistens ist die Zunge zu viel am Arbeiten und die Luft zu wenig.
Das versuche ich zu beachten: mehr Luft, weniger Zunge, langsam, sauber, gut greifen, linke Hand.“
(Simon Höfele)
Beim Trompeter Simon Höfele liegt der Fokus eher auf der Variation.
Der Tipp mit der linken Hand zu spielen, als Rechtshänder auf der Trompete, lässt sich sogar wissenschaftlich belegen. Das Phänomen nennt sich Intermanualer Transfer und konnte in einer Studie 1999 gezeigt werden. Man konnte dort nachweisen, dass auch der motorische Kortex der nicht-trainierten Hand am Lernvorgang beteiligt war. Zwanzig Jahre später bestätigte eine japanische Studie diesen Effekt – allerdings nicht an einer musikalischen Aufgabe.
Eine weitere Podcast-Empfehlung
Zum Abschluss möchte ich dir noch eine weitere Podcast-Folge von Noa Kageyama (alias bulletproofmusician) empfehlen, auf die mich Molly Gebrian aufmerksam gemacht hat.
Dort ist der Posaunist Jason Sulliman zu Gast. Er spricht darüber, warum es sinnvoll sein kann, kurze Passagen bereits früh im Zieltempo zu üben und welche Rolle langsames Üben für ihn trotzdem spielt.
Wer schreibt hier eigentlich..?
Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"
