Was bedeutet es, ein Instrument wirklich zu beherrschen – nicht im Sinne von Perfektion, sondern von Freiheit? Viviane Chassot, eine der renommiertesten Akkordeonistinnen weltweit, hat darauf eine klare Antwort: Akkordeon üben heißt für sie, sich so vorzubereiten, dass im Konzert nichts mehr erzwungen werden muss.
Die in Basel lebende Schweizer Musikerin ist seit Jahren eine Pionierin ihres Fachs. Als erste Akkordeonistin in der Geschichte von Sony Classical hat sie Maßstäbe gesetzt – mit Bearbeitungen von Haydn, Mozart und Bach, die klassische Musikliebhaber ebenso begeistern wie ein breites Publikum. Für ihre CD „Pure Bach“ wurde sie mit dem Opus Klassik ausgezeichnet, dem wichtigsten deutschen Klassikpreis. Dazu kommen der Schweizer Musikpreis 2021 und Auftritte in der Philharmonie Berlin, dem Guggenheim Museum New York und der Wigmore Hall London.
Im Podcast „Wie übt eigentlich“ sprach Patrick Hinsberger mit Viviane Chassot über ihre ganz persönliche Musikeroutine – und über das, was sich hinter dem Begriff Akkordeon üben wirklich verbirgt. Das Gespräch ist ehrlich, tiefgründig und überraschend: Denn Chassot erzählt nicht von Stundenplänen und Disziplin, sondern von Intuition, Klangvorstellung und dem langen Weg zur Gelassenheit. Einem Weg, der sie durch eine schwere Krankheit führte – und der ihr Verhältnis zur Musik, zur Bühne und zum täglichen Üben grundlegend verändert hat.
Im Interview erfährst du, wie Viviane Chassot ihren Fokus auf der Bühne entwickelt hat, warum sie technisches Akkordeon üben immer direkt mit musikalischen Inhalten verknüpft, was das Bearbeiten von Werken für fremde Instrumente über das eigene Spiel lehrt – und warum sie jungen Musikerinnen und Musikern vor allem eines mitgeben möchte: das Feuer am Brennen zu halten.

Mehr Informationen zu Viviane Chassot:
Das Interview
Akkordeon üben für Freiheit am Konzerttag
Vervollständige folgenden Satz: Üben heißt für dich …?
Oh, schon so eine schwierige Frage zum Anfangen! Üben heißt für mich, mich so vorzubereiten, dass ich während des Konzerts möglichst frei bin. Das ist eigentlich meine Motivation zum Üben.
Frei im Sinne von mental, körperlich – oder auch technisch?
Alles zusammen. Meine Motivation zum Üben ist die höchstmögliche Freiheit im Moment des Auftretens. Möglichst spontan, möglichst aus dem Moment heraus – damit ich alles Werkzeug habe, um flexibel auf den Moment reagieren zu können.
Musikalische Einflüsse: Zwischen Klassik, Jazz und Neugier
Gibt es aktuell eine Künstlerin oder einen Künstler, die oder der bei dir in Dauerschleife läuft?
Eigentlich ständig verschiedene Dinge aus allen Bereichen. Im Auto höre ich regelmäßig SRF 1 – eher Singer-Songwriter, unterhaltend. Zu Hause läuft SRF 2, da kommt viel Klassik und Jazz. Ich höre eigentlich weniger Musik in Dauerschleife, als dass ich ständig Neues entdecke.
Und bezogen auf dein Akkordeonspiel – gibt es Künstlerinnen oder Künstler, die dich besonders geprägt haben?
Künstlerinnen wie Patricia Kopatchinskaja, die sich sehr viel Freiheit nehmen und sehr innovativ mit Musik – gerade auch mit klassischer Musik – umgehen, interessieren mich am meisten. Oder David Greilsammer, ein Pianist, der sich völlig frei zwischen Jazz und Klassik bewegt. Dieses Nicht-in-einer-Sparte-Bleiben fasziniert mich. Das Freiheitsgefühl, das sich durch unser ganzes Gespräch zieht, spiegelt sich auch da wider.
Entweder-oder-Fragen
Bach oder Haydn?
Das kann ich nicht beantworten! Haydn liebe ich genauso wie Bach – das ist so verschieden, und das eine geht nicht ohne das andere. Es geht nicht, sorry.
Geduld oder Gelassenheit?
Gelassenheit.
Wiederholen oder weitermachen?
Wiederholen.
Heute oder morgen?
Heute.
Frühaufsteher oder Nachteule?
Frühaufsteher – geworden.


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Fokus auf der Bühne: Konzentration als zweite Natur
Du beschreibst den Fokus auf der Bühne als etwas fast Automatisches. Viele erleben das als echte Anstrengung. Ist das bei dir einfach Routine?
Ich glaube, das ist wirklich die Routine, weil ich es schon so lange mache. Ich bin sowieso der Typ: machen, einfach machen. Auf die Bühne gehen, riskieren, keine Ahnung haben, was rauskommt – nicht auf Nummer sicher gehen, sondern einfach machen. Das ist wohl mein lebenslanges Motto.
Dazu kommt, dass ich meistens solo spiele. Ich muss eigentlich immer ganz da sein und kenne es gar nicht anders. Für mich ist totaler Fokus auf der Bühne einfach normal – wahrscheinlich durch die Routine so geworden, vielleicht ist es auch eine Veranlagung.
Es gab einen Moment, als ich sehr krank war. In Gesprächen mit den Ärzten war ich trotzdem hellwach, klar und fokussiert. Ein Freund, der mich begleitete, sagte: Das ist unglaublich, wie klar du bist, wenn ich sehe, wie schlecht es dir eigentlich geht. Ich erwähne das, weil ich glaube, dass das ein ähnlicher Mechanismus ist wie auf der Bühne: ganz fokussiert sein, egal was drumherum passiert. Das Leben findet statt, auch wenn wir auf der Bühne sind – aber das Publikum interessiert das nicht. Wir müssen im Moment einfach alles geben.
Der perfekte Übetag
Raum, Zeit und intuitive Musikeroutine
Wann würdest du sagen, hast du einen guten Übetag gehabt?
Wenn ich morgens schon beginne und mich von der Lust leiten lassen kann – wenn ich Raum und Zeit habe. Wenn ich weiß, ich muss nicht in zwei Stunden wieder irgendwo sein. Das ist das Schöne. Ich habe nie einen wirklichen Plan, das passiert einfach.
Das heißt, du entscheidest quasi im Moment des Spielens, womit du weiterarbeitest?
Genau. Im Schnitt habe ich ungefähr drei verschiedene Programme aktuell. Ich notiere mir grob, in welcher Woche ich welchen Schwerpunkt für welches Programm lege. Aber welche Stücke oder Sätze ich wann übe, entscheide ich nie im Voraus. Ich setze mich hin und schaue, was kommt. Manchmal sind das langsame Sätze, weil ich eher müde bin, manchmal habe ich viel Energie – dann kann es knallen. Das hat stark damit zu tun, in welcher Schwingung ich gerade bin.
Stresst dich das manchmal?
Ich habe so etwas wie eine intuitive Struktur – das funktioniert eigentlich gut. Ich fühle mich quasi immer gut vorbereitet, weil ich sorgfältig auf meine Zielpunkte hinarbeite. Einen minutiösen, strukturierten Übeplan habe ich aber nicht.
„Üben ist für mich Leben – und beinhaltet alles, was auch am Tag passiert.“
Viviane Chassot
Für mich beinhaltet ein guter Übetag ja nicht nur das Üben. Üben ist für mich Leben – und beinhaltet alles, was auch am Tag passiert: in die Natur gehen, mir etwas Gutes kochen, vielleicht jemanden zum Kaffee treffen und dann wieder zurück. Ich bewege mich in einer Oase. Und wenn ich am Ende des Tages merke, ich kann nichts mehr aufnehmen – das ist meine Zeitgrenze. Nicht eine vorher festgelegte Stundenzahl. Wenn ich sagen kann: Jetzt bin ich satt, jetzt kann ich nichts mehr aufnehmen – dann fühlt sich das erfüllt an.
Gelassenheit lernen: Was eine schwere Krankheit verändert hat
Du hast gelernt, abends zu sagen: Es ist genug für heute. Was hat dir geholfen, diese Gelassenheit zu entwickeln?
Ich habe das wirklich gelernt, wie so oft im Leben, durch eine ganz schwere Krankheit. Ich wusste nicht, ob ich lebe oder sterbe. Das hat vieles verändert. Früher war ich extrem ehrgeizig, total leistungsorientiert – auf eine Weise, die wirklich ungesunde Züge hatte.
Heute steht für mich die Freude an dem, was ich mache, im Zentrum. Ich mache das, weil ich es gern mache – alles andere ist zweitrangig. Es gibt immer welche, die besser sind. Dieses Weiter, höher, besser, noch mehr – das gibt uns unsere Gesellschaft stark vor. Und davon versuche ich mich je länger, je mehr zu distanzieren.
„Für mich zählen Begegnung, Kommunikation, Zuhören. Und bei Konzerten: dem Publikum etwas vermitteln. In unserer rastlosen Welt versuche ich Oasen zu schaffen – einen Gegenpol zu dem, was ich oft als unmenschliches Tempo empfinde.“
Viviane Chassot
Für mich zählen Begegnung, Kommunikation, Zuhören. Und bei Konzerten: dem Publikum etwas vermitteln. In unserer rastlosen Welt versuche ich Oasen zu schaffen – einen Gegenpol zu dem, was ich oft als unmenschliches Tempo empfinde. Mir geht es im Konzert nicht darum, perfekt zu sein, sondern dem Publikum möglichst viel zu geben. Und das kann ich nur, wenn ich über der Sache stehe.
Das klingt nach einer Relativierung des musikalischen Daseins im Kontext der Welt.
Genau. Und das gelingt mir wirklich viel besser als früher. Früher konnte eine nicht funktionierende Stelle um halb fünf den ganzen Abend ruinieren. Heute kann ich viel schneller sagen: Es ist vorbei, es ist für heute gut. Das gelingt, weil ich lerne, wieder im nächsten Moment zu sein. Wenn das klappt, ist der Moment, wo die Stelle nicht ging, einfach vorbei. Das ist ein lebenslanges Üben – aber wenn es gelingt, fühlt sich das wie echter Einklang an.
Akkordeon üben in der Praxis
Technisches Arbeiten, musikalisch verknüpft
Gibt es bestimmte Bausteine, die immer Teil deines Übeprogramms sind?
Ich bin da nicht besonders strategisch oder gut organisiert. Früher habe ich immer zuerst Tonleitern gespielt – zum Warmspielen. Das finde ich nach wie vor legitim und sage es auch meinen Schülern. Aber jetzt ist mein Zugang ein anderer: Ich übe das Technische immer direkt an den Werken, mit denen ich mich gerade beschäftige.
„Ich übe das Technische immer direkt an den Werken, mit denen ich mich gerade beschäftige.“
Viviane Chassot
Gerade befasse ich mich mit Beethovens Violinkonzert op. 61 – und das besteht quasi nur aus Tonleitern. Ich habe noch nie so viele Tonleitern gespielt wie im Moment! Aber es ist musikalisch verknüpft, und das macht es viel leichter, die Motivation zu finden. Früher hatte ich wirklich Spaß daran, einfach Tonleitern zu spielen – aber das hat alles seine Zeit.
Hast du Techniken, um herausfordernde Stellen zu erarbeiten – sozusagen auf der Lupenebene?
Ja, dann schon systematisch: Ich teile die Stelle in ganz kleine Einheiten auf und trenne die beiden Hände voneinander. Als Akkordeonistin spiele ich sehr oft Literatur, die nicht für mein Instrument geschrieben ist – ich muss sie einrichten, also arrangieren. Dabei geht es darum, die Aufteilung zu finden, die am besten liegt: Was spiele ich rechts, was links, wie geht das auf? Wenn die Aufteilung gut sitzt, ist der Rest meist viel leichter zu lösen.
„Üben hat für mich ganz viel mit Klangvorstellung zu tun. Ich gehe immer vom Klang aus.“
Viviane Chassot
Bezeichnest du diesen Bearbeitungsprozess schon als Üben?
Ja, auf jeden Fall – denn Üben hat für mich ganz viel mit Klangvorstellung zu tun. Ich gehe immer vom Klang aus. Ich kenne Beethovens Violinkonzert von der Geige, habe es in Klavierbearbeitungen gehört. Jetzt geht es darum, eine Version zu finden, die auf meinem Instrument gut klingt. Bei jeder Stelle habe ich eine Klangvorstellung – und dann frage ich mich: Wie komme ich technisch zu diesem Klang?
Übersetzen als künstlerisches Prinzip:
Wenn Noten eine neue Sprache sprechen
Lernst du durch solche Bearbeitungen jedes Mal Neues über dich und das Akkordeon?
Ganz viel, weil ich jedes Mal über die Grenzen hinausgehe. Es ist ständig neues Terrain. Ich weiß eigentlich nie im Voraus, ob eine Bearbeitung funktionieren wird. Ich bin immer gefordert, extrem kreativ zu sein.
Manchmal habe ich wochenlang das Gefühl, es gibt keine Lösung für eine bestimmte Stelle. Und dann stehe ich eines Morgens auf und denke: Na klar, ich muss es einfach nur anders aufteilen! Dieser Moment der Erleuchtung ist wahnsinnig toll. Die Lösungen gibt es nicht fertig – die müssen selbst entstehen. Das ist einfach faszinierend.
„Es geht darum, was die Intention ist und wie ich die Aussage zum Klingen bringe.“
Viviane Chassot
Das klingt wie ein Übersetzungsprozess.
Genau – wie wenn ein Buch in eine andere Sprache übersetzt wird. Ich gehe vom Text aus und frage mich: Was will der Komponist mit dieser Stelle ausdrücken? Und dann: Wie kann ich das mit meinen Mitteln umsetzen? Früher war ich sehr nah am Text und hatte eine riesige Demut – ich wollte jeden Ton eins zu eins übertragen. Heute weiß ich: Es geht darum, was die Intention ist und wie ich die Aussage zum Klingen bringe.
Der atmende Balg
Das einzigartige Potenzial des Akkordeons
Du hast das Atmen des Instruments erwähnt. Kannst du beschreiben, wie dieser atmende Balg dein Spiel und dein Akkordeon üben beeinflusst?
Viviane: Wenn ich das Instrument an mir habe, hat jede kleinste Regung Einfluss auf den Balg, der das Zentrum bildet. Ich kann jeden einzelnen Ton modulieren – anschwellen lassen, wieder verklingen lassen. Ich habe eine unglaubliche Möglichkeit zur Differenzierung: ein bisschen mehr Luft geben oder ein bisschen weniger. Bei Blasinstrumenten ist das selbstverständlich, bei Tasteninstrumenten nicht – und wir Akkordeonistinnen haben diese Möglichkeit trotzdem. Das ist eine ganz spezielle Mischung.
Erlebst du den Balg auch als Widerstand?
Al Widerstand erlebe ich eher die Tatsache, dass beide Manuale über einen Balg verbunden sind und ich nicht unabhängig dynamisch agieren kann. Wenn ein Pianist sagt: Links bitte etwas leiser und rechts etwas mehr – dann sage ich: Ja, schöne Idee! Das muss ich dann über Artikulation und das Verlängern von Tönen lösen. Den Balg selbst sehe ich viel mehr als Qualität – als den USP, der das Instrument so einzigartig macht. Und das gilt es zu nutzen.
Das Akkordeon ist noch kein altes Konzertinstrument. Die ersten kleinen Instrumente entstanden zwar 1829 – aber damals konnte man damit nur begleiten. Der kultivierte Umgang mit dem Instrument entwickelte sich erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts, als namhafte Komponisten begannen, für das Instrument zu schreiben, und es an den Hochschulen Einzug hielt. Diese Spielkultur ist noch jung. Deshalb habe ich immer wieder musikalische Impulse bei Pianisten oder Streichquartett-Dozenten gesucht. Und ich höre immer wieder Akkordeonistinnen, die diese Mittel noch zu wenig nutzen – dabei liegt da so viel Potenzial drin.
Rückschau und Ratschlag: Was Viviane heute anders machen würde
Wenn du auf deine Übe-Biografie zurückschaust – was würdest du heute anders machen?
Ich würde früher mit mehr Spaß und Lust üben wollen. Es ist schade, dass ich diese Neugier und dieses Lustvolle – dieses Ausprobieren und Erforschen – nicht früher entdeckt habe. Ich war sehr lange sehr perfektionistisch, sehr leistungsorientiert. Heute liegt das Gewicht viel stärker auf der Spielfreude. Das ist das, was ich anders machen würde.
Gibt es gerade etwas, das du lernst – abseits von Musik?
Italienisch!
Was wäre dein Tipp an junge Musikstudierende – an dein jüngeres Ich im ersten Semester?
Versucht, das Feuer, das ihr für die Musik habt, immer am Brennen zu halten.
Wer schreibt hier eigentlich..?
Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"
