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Wie Künstliche Intelligenz Musikern beim Üben helfen kann

Musikerinnen und Musiker auf der ganzen Welt nutzen Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend, um ihr Üben zu optimieren und ihre Fähigkeiten auf dem Instrument zu verbessern. Sei es durch personalisierte Übe-Pläne, automatisches und unmittelbares Feedback via App während des Lernprozesses oder durch eigenständige Kompositionen. Mit ChatGPT erlebt KI-Technologie nochmals einen Boom. Künstliche Intelligenz kann Musikern beim Üben helfen. Wie das habe ich in einem Selbstversuch getestet.

ChatGPT und der Einzug der Künstlichen Intelligenz

Die künstliche Intelligenz (KI) hat in den letzten Jahren Einzug in viele Bereiche unseres täglichen Lebens gehalten, und die Musikindustrie bildet da keine Ausnahme. Spätestens seit dem Launch von ChatGPT erlebt das Thema aber einen absoluten Boom. Wenngleich Einsatzmöglichkeiten in anderen Feldern offensichtlicher erscheinen, bietet Künstliche Intelligenz Musikerinnen und Musikern viele Möglichkeiten, ihr Üben zu verbessern.

Apps, die Musiker*innen beim Erlernen von Musikstücken unterstützen sind heute bereits vielfach in gebrauch. Sie nutzen nicht nur künstliche Intelligenz, sondern integrieren auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse der Lernforschung. So erfahren Nutzer*innen den (theoretisch) bestmöglichsten Weg, um am Instrument weiter zu kommen. KI kann dabei helfen, die Technik, das Timing und die Ausdrucksweise der Musikerinnen und Musiker zu verbessern.

KI-gesteuerte Lern-Apps

Personalisierte Übe-Pläne dank Künstlicher Intelligenz

Ein weiterer Vorteil von KI ist, dass sie personalisierte Übe-Pläne erstellen kann, die auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des jeweiligen Musikers zugeschnitten sind. Die KI kann dabei helfen, die Zeit effektiver zu nutzen und das Üben abwechslungsreicher und interessanter zu gestalten.

Natürlich habe ich mir bereits den Spaß erlaubt und ChatGPT gefragt, wie ich mein Üben optimieren könnte. Nachdem ich ein paar Angaben zu mir (Wie lange spiele ich bereits? Was sind meine Ziele? Wie viel Zeit habe ich wöchentlich? etc.) machen musste, erstellte die KI einen personalisierten Übe-Plan. Wow, dachte ich erstmal. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Die Künstliche Intelligenz ChatGPT: Kannst du Übe-Pläne für Musiker erstellen?
ChatGPT Dialog

Meine Vorgaben waren recht vage am Anfang. Einen täglichen Übe-Plan für ein 90-minütiges Zeitfenster, in dem ich gerne meine Fähigkeit Bebop-Sprache in meiner Improvisation zu nutzen verbessern möchte:

Mein ChatGPT Übe-Plan Vorschlag

  1. Technikübung (30 Minuten)
  • Long Tones: 10 Minuten (Beginne mit einem bequemen Bereich, wechsle allmählich zu höheren Registern)
  • Skalen und Arpeggios: 10 Minuten (Übe unterschiedliche Skalen und Arpeggios, insbesondere Moll-Pentatonik, Moll-Dur, Dominant und Altered Dominant Skalen)
  • Lip Flexibility: 10 Minuten (Übe unterschiedliche Lippenübungen wie Stampfen, Double Tonguing und Tripple Tonguing, um die Flexibilität und Stärke der Lippen zu verbessern)
  1. Gehörbildung und Theorie (30 Minuten)
  • Transkriptionen: 15 Minuten (Transkribiere Soli von bekannten Bebop-Musikern wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Clifford Brown)
  • Intervalltraining: 10 Minuten (Übe das Hören von Intervallen in verschiedenen Kontexten, um deine Fähigkeit zu entwickeln, Melodien zu hören und zu reproduzieren)
  • Jazz-Theorie: 5 Minuten (Wiederholung von Grundlagen der Jazztheorie, wie Akkordprogressionen und Substitutionen)
  1. Improvisation (30 Minuten)
  • Play Along: 15 Minuten (Verwende Play-Alongs, um Bebop-Melodien zu spielen, und versuche, deine Improvisationen auf diesen Melodien aufzubauen)
  • Transkribierte Soli: 10 Minuten (Versuche, einige der Soli, die du transkribiert hast, in dein eigenes Spiel einzubauen)
  • Freie Improvisation: 5 Minuten (Experimentiere mit verschiedenen Skalen und Akkorden und versuche, neue Ideen zu entwickeln)

Analyse

Ein solider Übe-Plan, der sowohl die Grundlagen des Instrumentalspiels (Long Tones u.Ä.) abdeckt, als auch Theorie und Gehörbildung einschließt – dachte ich. Die Unterteilung in drei Blöcke vermeidet nicht nur frühzeitige Ermüdung der Muskulatur, sondern lädt auch zu Pausen ein. Natürlich muss man um diese wissen – womit wir möglicherweise bei der ersten Schwäche des Plans sind.

Da man der KI jedoch unendlich viele Nachfragen stellen kann, schärft sich mit jeder Antwort auch unser Übe-Plan. ChatGPT schlägt 5-10 Minuten Pause nach jeder der 30 Minuten Einheiten vor und empfiehlt die Pomodoro-Technik als bewährte Methode zur Einteilung unseres Übens gleich mit.

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Apps, die heute bereits im Alltag von Musikern genutzt werden

Es gibt viele Apps, die heute bereits im Alltag von Musikern genutzt werden.

Tonaly

Tonaly ist eine KI-basierte Musiktheorie-App, die Musikern hilft, Tonart und Harmonie besser zu verstehen. Die App bietet eine Vielzahl von Übungen, die auf die individuellen Bedürfnisse des Benutzers zugeschnitten sind. Tonaly erkennt automatisch die Tonart von Audioaufnahmen und gibt Empfehlungen für die Harmoniebildung. Die App ist für alle Arten von Musikern geeignet, egal ob Anfänger oder Fortgeschrittene.

Link zu Tonaly: https://tonaly.app/de

EarMaster Pro

EarMaster ist eine KI-basierte App zur Verbesserung des Gehörs. Die App nutzt eine fortschrittliche Technologie zur Erkennung von Noten und Tönen, um den Benutzern beim Erkennen von Intervallen, Skalen, Akkorden und Rhythmen zu helfen. EarMaster bietet auch eine Vielzahl von Übungen und Spielen, die auf die individuellen Bedürfnisse des Benutzers zugeschnitten sind. Die App ist für alle Instrumente und Musikstile geeignet. Einigen von euch dürfte die App bereits aus meiner Top5-Gehörbildungs-App Liste für das Smartphone bekannt vorkommen.

Link zu EarMaster Pro: https://www.earmaster.com/de/

Yousician

Yousician ist eine der bekanntesten KI-basierten Musikübungs-Apps auf dem Markt. Sie ist für alle Instrumente geeignet und bietet eine breite Palette von Übungen und Lektionen, die auf das Niveau des Benutzers abgestimmt sind. Die App nutzt eine fortschrittliche Technologie zur Erkennung von Noten und Tönen und gibt sofortiges Feedback zur Verbesserung der Spieltechnik. Yousician ermöglicht es den Nutzern auch, ihre Fortschritte zu verfolgen und Ziele zu setzen.

Link zu Yousician: https://yousician.com/

TonalEnergy

TonalEnergy ist ein sehr umfassendes Werkzeug im Alltag von Musiker*innen. Es bietet ein Metronom und Stimmgerät, welches darüber hinaus noch über viele Analysefunktionen verfügt. So lassen sich Töne ausfindig machen, die immer außer des Pitch-Centers gespielt werden. Dabei erfasst die App die Leistungen des Musikers und erstellt daraufhin Übe-Pläne, die auf seine spezifischen Bedürfnisse und Fähigkeiten zugeschnitten sind.

Link zu TonalEnergy: https://www.tonalenergy.com/

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Grenzen der Künstlichen Intelligenz heute

Anders als im Sport, in der künstliche Intelligenz bereits ebenfalls zur Erstellung von Trainingsplänen genutzt wird, lebt die Musik von Emotionen. Es ist natürlich nicht gleich, wie ich ein Stück einstudiere und spiele. Als Musiker kann ich eine einzelne Note auf hundert verschiedene Weisen anspielen. Die Emotion, die ich dabei in jeden Ton legen kann, macht es erst zu meiner ganz persönlichen Interpretation. Die KI unterscheidet jedoch bisher nur zwischen richtigen und falschen Noten. Das ist auch der Hauptgrund, weshalb sich Erkenntnisse der Sportwissenschaft nicht 1:1 auf die Musik übertragen lassen (In meinem Interview mit Prof. Dr. Eckart Altenmüller haben wir ausführlich über dieses Thema gesprochen).

Auch das Wissen von ChatGPT endet aktuell im Jahr 2021. Neuere Forschung zum musikalischen Üben ist derzeit nicht damit abgedeckt. Es ist aber klar, dass das Potential von KI auch im musikalischen Kontext noch lange nicht ausgeschöpft ist.

Wer schreibt hier eigentlich..?

Musiker | Podcast-Host | Blogger | + posts

Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"

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