Torsten HazE Haas ist Bassist, Musical Director (MD) und das rhythmische Fundament der Mighty Winterscheidts in der ProSieben-Erfolgsshow „Wer stiehlt mir die Show?“. Bei den Proben dazu in Berlin haben wir uns getroffen.
Torsten war Teil des legänderen MTV Unplugged von Samy Deluxe, spielte mit Freundeskreis und Max Herre, ist Professor an der Hochschule in Osnabrück und hat seine eigene Lernplattform die bassbuddies. In dieser Folge widmen wir uns zwei fundamentalen Fragen: Wie wird man eigentlich zu seinem eigenen Lieblingsbassisten? Und welche kreativen Konzepte verbergen sich hinter einer genialen Basslinie?
Wir haben über Strategien zum Umgang mit dem Inneren Kritiker gesprochen und wie sehr sein Üben auf seine Ressourcen konzentriert.


Was bedeutet Üben für Torsten HazE Haas eigentlich?
Für Torsten erfüllt Üben zwei Funktionen:
Einerseits ist es ein tägliches Ritual, um den Tag bewusst zu beginnen. Andererseits dient es dazu, sich langfristig zu dem Musiker zu entwickeln, der man sein möchte.
Statt konkrete Songs oder technische Übungen abzuarbeiten, beschäftigt ihn vor allem die Frage:
Wie möchte ich eigentlich klingen?
Warum der innere Kritiker nicht dein Feind ist
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist der Umgang mit Selbstzweifeln.
Torsten betrachtet den inneren Kritiker nicht als Störfaktor, sondern als einen Teil des Systems, der etwas Gutes bewirken möchte.
Viele Musiker versuchen, diese Stimme zu ignorieren oder zu unterdrücken. Seine Erfahrung zeigt jedoch:
Wer versteht, wovor der Kritiker eigentlich schützen möchte, kann deutlich gelassener mit Auftrittssituationen umgehen.
„Der innere Kritiker will meistens nicht sabotieren. Er versucht, dich zu beschützen.“
Torsten HazE Haas
Statt gegen die Stimme anzukämpfen, empfiehlt Torsten, ihre Sorgen ernst zu nehmen und ihr gleichzeitig zu zeigen, dass man sich bereits um das Problem kümmert.


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Warum gute Übetage selten mit Stunden zu tun haben
Interessanterweise misst Torsten den Erfolg eines Übetages nicht an der investierten Zeit.
Ein guter Tag ist für ihn dann gelungen, wenn er:
- eine musikalische Mechanik verstanden hat
- ein neues Konzept entdeckt hat
- etwas über sein eigenes Spiel gelernt hat
Viele dieser Erkenntnisse entstehen sogar erst nach Konzerten.
Am nächsten Morgen analysiert er häufig Situationen, die sich musikalisch nicht stimmig angefühlt haben.
Audiation: Die wichtigste Fähigkeit, über die kaum jemand spricht
Ein Begriff taucht im Gespräch immer wieder auf: Audiation.
Darunter versteht man die Fähigkeit, Musik innerlich hören zu können, bevor sie gespielt wird.
Für Torsten beginnt Musik nicht auf dem Instrument.
Sie beginnt im Kopf.
„Die Musik passiert nicht auf dem Instrument. Das Instrument macht sie nur hörbar.“
Torsten HazE Haas
Deshalb lautet eine seiner wichtigsten Fragen – sowohl im Unterricht als auch beim eigenen Üben:
„Wie klingt das eigentlich in deinem Kopf?“
Diese innere Klangvorstellung beeinflusst Groove, Phrasierung, Timing und musikalische Entscheidungen oft stärker als jede technische Übung.
Warum Torsten kaum klassische Transkriptionen macht
Während viele Musiker Soli und Basslinien Ton für Ton transkribieren, interessiert ihn etwas anderes: Die Idee hinter der Musik. Statt eine Phrase exakt zu kopieren, sucht er nach dem Konzept, das dahinter steckt.
Ein Beispiel dafür fand er bei Bass-Legende Anthony Jackson. Dieser spielte Übergänge häufig anders als die meisten Bassisten:
Nicht vor dem Chorus, sondern erst auf der Eins. Diese kleine Beobachtung veränderte Torstens Denken nachhaltig.
Weniger spielen kann musikalischer sein
Eine weitere wichtige Erkenntnis aus seiner Arbeit als Bassist und Musical Director: Komplexität ist nicht automatisch besser. Oft liegt die größere musikalische Reife darin, bewusst zu vereinfachen.
Torsten beschreibt das als eine Art Sicherheitsnetz:
Immer eine Version einer Passage parat zu haben, die musikalisch funktioniert – selbst wenn sie technisch einfacher ist.
„Ich habe lieber einen kleinen Skill, den ich überall einsetzen kann, als hundert Fähigkeiten, die nur in einem Song funktionieren.“
Torsten HazE Haas
Die White-Noise-Technik gegen Bühnenstress
Eine der spannendsten Methoden des Gesprächs ist die sogenannte White-Noise-Technik.
Die Idee:
Während man spielt, stellt man sich in den Pausen zwischen den Noten ein kontinuierliches weißes Rauschen vor.
Dadurch bekommen Pausen einen hörbaren Wert.
Gleichzeitig wird es deutlich schwieriger, störende Gedanken oder Selbstzweifel aufrechtzuerhalten.
Viele Musiker berichten laut Torsten von positiven Effekten auf:
- Timing
- Phrasierung
- Konzentration
- Bühnenpräsenz
Was Torsten seinen Studierenden mitgeben möchte
Als Professor verfolgt Torsten einen ungewöhnlichen Ansatz. Er möchte nicht, dass seine Studierenden wie er klingen. Er möchte, dass sie ihren eigenen musikalischen Ausdruck finden.
Sein Ideal wäre ein Abschlusskonzert, dessen Musik ihm persönlich gar nicht gefällt – bei dem er aber spürt, dass die Musikerin oder der Musiker exakt das ausdrückt, was innerlich vorhanden ist.
„Es ist nicht wichtig, ob mir gefällt, was jemand spielt. Wichtig ist, dass das Innere nach außen kommt.“
Torsten HazE Haas
Die wichtigsten Learnings aus dem Gespräch
- Üben ist mehr als Techniktraining.
- Der innere Kritiker kann ein Verbündeter sein.
- Audiation ist die Grundlage musikalischer Ausdrucksfähigkeit.
- Gute Musiker kopieren keine Noten, sondern verstehen Konzepte.
- Weniger spielen kann musikalisch wirkungsvoller sein als mehr spielen.
- Individuelle Lösungen sind oft wertvoller als allgemeine Methoden.
- Musik beginnt in der Vorstellung – nicht auf dem Instrument.
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Wer schreibt hier eigentlich..?
Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"
