Wie übt eigentlich ein Saxofonist, der seit über 30 Jahren auf den größten Bühnen Deutschlands steht? Thorsten Skringer – Tenorsaxofonist der heavytones und Tourmusiker von Herbert Grönemeyer – gibt in diesem Interview einen ehrlichen Einblick in seinen Übealltag.
Für ihn bedeutet Saxofon üben vor allem eines: intuitive Disziplin. Kein starres Schema, kein Übetagebuch – sondern konsequente Arbeit an den eigenen Stärken, tägliche Wiederholung von Vokabeln und das mutige Loslassen von Perfektion. Thorsten teilt seine Methode für die Diminished Scale auf der Dominante, erklärt, warum One Takes der Perfektion überlegen sind – und warum der beste Plan manchmal ist, gar keinen Plan B zu haben. Ein Gespräch über 35 Jahre Bühne, Gelassenheit statt Geduld und die Frage, was einen wirklich unverwechselbar macht.



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„Üben heißt Blutschweiß und Tränen“ – wie Thorsten Skringer das Saxofon üben lernte
Die erste Frage, mit der es bei uns immer losgeht: Vervollständige folgenden Satz – Üben heißt für dich?
Blutschweiß und Tränen, gefolgt von hoffentlich freudiger Präsentation auf der Bühne.
Da müssen wir gleich drauf eingehen – wann genau entstehen bei dir Blutschweiß und Tränen?
Ich bin tatsächlich gerade sehr damit beschäftigt, Mixe und die kommenden Heavytones-CDs gegenzuhören. Wir waren vor zwei Wochen im Little Big Beat Studio in Liechtenstein, da müssen wir entscheiden: Tag 1 oder Tag 2? Dann war ich letzte Woche mit Herbert Grönemeyer auf Tour. Da hört man in Vorbereitung auf die Shows vor allem dessen Musik. Vor anderthalb Jahren war es noch die Corey-Henry-Platte, die bei jeder Autofahrt viermal lief. Im Moment fühlt sich Musikhören sehr viel nach Arbeit an.
Du beschreibst dich selbst als Intensivhörer – jemand, der eine Platte 30, 40, 60 Mal hört. Gibt es ein Album oder einen Künstler, der dein eigenes Spiel geprägt hat?
Es gibt nicht die eine Platte – definitiv nicht. Aber es gibt die erste wichtige: David Sanborn, „Hard to the Heart“. Das war mit ziemlich viel krimineller Energie verbunden, weil ich als 14-Jähriger beim Schulausflug nach Nürnberg unerlaubt die Gruppe verlassen habe. Ich wusste: Da gibt es den WOM, den größten CD-Laden. Ich hatte wenig Geld, der Verkäufer empfahl mir eine Sanborn-CD aus der Wühlkiste – unter zehn Euro. Das war genau diese Platte mit Steve Gadd am Schlagzeug, Don Grolnick am Piano und den Brecker Brothers. Ich habe mir als Tenorist alle Themen rausgehört. Prägend war weniger der Klang selbst – Sanborn spielte Alt, ich Tenor – sondern die Intensität, mit der er und später auch Michael Brecker oder Bob Mintzer gespielt haben.
One Take statt Perfektion: Thorsten Skringers Aufnahme-Philosophie
Ich habe ein paar Entweder-Oder-Fragen für dich. Du hast einen Joker. Alt oder Neu?
Bei Instrumenten bin ich seit 20 Jahren absolut im Himmel mit meinen Yamaha Customs – die können genau das, was ich will. Bei Autos bin ich Oldtimer-Fan. Und bei Musik bin ich bei beiden: Ob Coltrane, Chris Potter oder die Brecker Brothers aus den 80ern – da habe ich keine Präferenz.
Stadt oder Berge?
Beides – aber wahrscheinlich ist die Stadt mein Zuhause und die Berge sind der belohnende Höhepunkt. Ich lebe in München, alles ist fußläufig erreichbar. Aber drei, vier, fünf Mal im Winter muss ich in die Berge zum Skifahren. Der Berg dient bei mir in erster Linie dem Sport, nicht der Erholung. Ich bin kein Wanderer. Mit dem alten Auto über die Pässe oder im Winter Ski fahren – das ist aktiver Ausgleich. Erholung brauche ich nach Touren eigentlich gar nicht.
One Take oder Perfect Take?
Ganz klar One Take.
Bei den Heavytones-Videos auf Instagram macht ihr ja genau das – alles One Takes aus den Proben. Wie gehst du mit dem Druck um, in wenigen Takten alles geben zu müssen?
Das ist eine sehr spezielle Anforderung. Je nachdem wie viel Zeit wir haben, spielen wir zwei, vier oder manchmal sechs Takes. Je mehr Takes, desto unterschiedlicher die Meinungen der acht Musiker, welchen wir nehmen – weil man dann anfängt, hin und her zu springen, und dann passt das Bild nicht mehr zum Ton. Spätestens wenn das nicht mehr stimmt, glauben dir die Leute nicht mehr. Eigentlich ist es so: Die ersten drei Takes sind die freshesten. Im vierten, fünften, sechsten bist du schon zu sehr beeinflusst davon, was du vorher gespielt hast. Wenn du dich bei Take vier versuchst zu erinnern, was war im zweiten – dann hast du schon verloren. Diese besondere Magie des One Takes, bei der jeder damit leben muss – die ist unschlagbar. Und nichts ist langweiliger als Perfektion, weil es sie einfach nicht gibt. Wenn doch, dann ist sie gelogen.
Intuitive Disziplin: Thorsten Skringers Übealltag als Saxofonist
Disziplin oder Intuition?
Ganz klar intuitive Disziplin. Ich bin in mir sehr widersprüchlich: Ich glaube, ich habe in vielen Bereichen zu wenig Disziplin – aber gleichzeitig bin ich der Meinung, dass ich seit fast 40 Jahren unfassbar fleißig bin. Mir fehlt Disziplin bei Dingen, die mich nerven. Den berühmten Spruch „Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen“ – der trifft auf mich in ganz vielen Bereichen zu, außer wenn die Intuition sagt: Das hier stelle ich jetzt nach vorne, und der Bürokram muss warten, auch wenn ich mal eine Frist verpasse. Das Schnellerkennen bei der heutigen Flut an Anforderungen – was ist der nächste wichtige Schritt? – darin glaube ich, bin ich ganz gut.
Geduld oder Gelassenheit?
In jedem Fall Gelassenheit. Geduld habe ich eigentlich gar keine – aber ich bin gelassen. Letzte Woche zum Beispiel fielen drei meiner Hauptarbeiten übereinander: Herbert Grönemeyer live in Zermatt, parallel das Sax Camp Bayerischer Wald und in Köln zwei Heavytones-Aufzeichnungen. Ich musste eine Entscheidung treffen, war angespannt – aber gleichzeitig gelassen, weil Gelassenheit die Voraussetzung dafür war, dass das, wofür ich mich entscheide, auf meinem gewohnten musikalischen Niveau funktioniert.
Du hast das Sax Camp gerade angesprochen – alleine oder zusammen üben?
Zunächst vieles sehr langsam gemeinsam üben. Nicht weil man es so langsam macht, dass die Schwächsten mithalten können – sondern weil eine ganz, ganz langsam startende, wiederholende Übtechnik das Einzige ist, was sich auch wirklich schnell in die Finger setzt. Das ist unsere Methode im Camp: die Bob-Reynolds-60-BPM-Methode. Erst wenn man in breiten Abständen den Fingern beibringt, wie eine Vokabel funktioniert, kann man danach schauen, wo die individuellen Geschwindigkeitsgrenzen liegen.
Routine oder Abwechslung?
Bei mir ist das meiste Routine – weil mein Vokabular auf alles angewendet wird, wo ich stattfinde. Ob Heavytones, Herbert Grönemeyer oder Big-Band-Gigs: die Vokabeln bleiben dieselben, und die funktionieren nur, weil eine relativ hohe Routine sie verlässlich macht. Wenn ich versuche, mich abwechslungsreicher darzustellen, geht das meistens schief. Ich habe von mir nicht das Gefühl, ein Riesentalent oder ein Überflieger zu sein. Letzte Woche beim Abschlussabend des Camps habe ich Joe Reinhuber und Tom Förster spielen gehört – da dachte ich: Ich kann eigentlich gar nichts. Aber ich weiß, das Einzige was ich kann, ist der beste Thorsten Skringer zu sein. Mit Sachen, die sich bei mir anroutiniert haben.
Saxofon üben mit Stärken: Warum Thorsten Skringer aufgehört hat, sich zu vergleichen
Was hat dir geholfen, diese Erkenntnis zu gewinnen – dass die einzige Lösung ist, der beste Thorsten Skringer zu werden? Dieses Vergleichen hat doch jeder von uns.
Ich habe mir das auf gar keinen Fall zuerst überlegt und dann alles strategisch ausgerichtet. Sondern ich bin zuallererst an vielen Sachen gescheitert und habe dann den Rückschluss gezogen: Ich mache das jetzt so weiter, wie ich es für richtig halte. Ich pfeife darauf, dass ich ein schlechter Querflötist bin. Ich akzeptiere, dass ich in bestimmten Stilistiken nicht traumwandlerisch sicher werden werde – und dass ich aufgrund mangelnder Motivation nur ein durchschnittlich guter Nottenleser bin. Würde ich eine Woche Dienst bei der WDR Big Band machen, würde ich krass untergehen. Aber irgendwann habe ich damit Frieden gefunden – vor allem über meine Coaching- und Unterrichtstätigkeit. Ich habe regulären Unterricht an Musikschulen schon um 2000, 2001 eingestellt. Stattdessen bin ich über Yamaha-Coachings mit großen Gruppen in das gerutscht, was ich heute mache. Und ich bin total in Balance: zwischen Noten lesen, improvisieren und die Leidenschaft fürs Spielen und Erlernen vermitteln. Das ist meine Welt.
„Wenn man sich andauernd nur um seine Schwächen kümmert, wird man bestenfalls breiter, guter Durchschnitt. Wenn man das Gefühl hat, eine spezielle Stärke zu haben, gibt man am besten Vollgas in genau dieser Stärke.“
Das hat mir ein Tenorhorn-Kollege gesagt, und es stimmt: Meine Stärke ist das Tenorsaxofon in meinem Bereich – jazzy, funky, groovy. Da gebe ich Vollgas. Ich bin Team Tower of Power, Hornheads, Heavytones – und ich bin fine damit. Wenn der ein oder andere das nicht so sieht, ist das sein gutes Recht. Aber solange die anderen sagen: „Der ist authentisch, dem glaube ich jede Phrase“ – dann ist es auch gut.
Beruf oder Berufung? Warum Thorsten Skringer 35 Jahre Bühne nie als Arbeit empfand
Du hast deine Arbeit vorhin als ‚Spielen‘ bezeichnet – das hört man von Berufsmusikern nicht so oft. Gibt es trotzdem Momente, in denen du sagst: Das heute war wirklich Arbeit?
Fast nie, Gott sei Dank. Man darf den Fehler nicht machen, Anstrengung mit Arbeit gleichzusetzen. Wenn ich nächste Woche zur Heavytones-Aufzeichnung nach Köln fahre, beginnt der Tag um 4:30 Uhr. Um 5:30 sitze ich im ersten Zug, um 11 bin ich im Proberaum, um 19:15 sind wir fertig, um 1:30 Uhr nachts sperre ich die Haustür auf – 20 Stunden. Das ist anstrengend. Aber es ist auf eine sehr privilegierte Art anstrengend: Man war im Fernsehen, hat gut verdient, durfte in einer der besten Bläsersektionen Deutschlands spielen, zusammen mit Lorenzo Ludemann und Tim Hepburn. Es gibt natürlich eine unterschiedlich gefühlte Anstrengung. Wenn du in einer Coverband die Anlage selbst einlädst, aufbaust, an der Würstchenbude isst, im Worst Case auf der öffentlichen Toilette dich umziehst und dann sechs Sets spielst – das ist richtig harte Arbeit. Respekt an alle Kollegen, die das durchziehen. Aber dass ich irgendwo bei einem Termin bin, bei dem ich denke ‚heute war es einfach nur Schinderei‘ – das kommt eigentlich nicht mehr vor. Das sortiere ich mittlerweile aus.
Es gibt das schöne Zitat von Roy Hargrove, dass man nicht fürs Spielen bezahlt wird, sondern fürs Reisen.
Ja, eine bisschen überspitzte, zynische Beschreibung – aber es stimmt. Gefühlt wohnt man immer in der falschen Stadt. Ich habe zehn Jahre in Köln gelebt, bin dann als Münchner zurückgegangen. Seit 2021 ist wieder so viel Fernsehen in Köln, dass ich – wäre ich alleinstehend – wohl längst wieder hochgezogen wäre. Stattdessen habe ich die letzten fünf Jahre 300.000 Kilometer selbst gefahren. Mittlerweile schaffe ich es an einem Tag mit Zug hin und zurück, das hat sich gerade deutlich entspannt.
Saxofon üben ohne Übeplan: Thorsten Skringers Methode für effektive Übezeit
Wann hast du einen richtig guten Übtag?
Irgendwas zwischen zwei und drei Stunden – wenn vorher viel Bürokram erledigt ist. Die ersten zwei Stunden bestehen bei mir hauptsächlich daraus, mich an Dinge zu erinnern, die ich schon mal geübt habe: Kann ich das Pattern noch? Weiß ich die Akkorde noch? Was muss ich wieder auffrischen? Danach gehe ich an ein, zwei neue Bausteine, die ich schon lange üben wollte.
Was ist das Erste, was du auf dem Instrument machst?
Die ersten Minuten sind Soundübungen – Longtones auf G1, zwei, drei Routine-Oberton-Übungen als Saxofonist, damit ich eingenordet bin und abschätzen kann: Geht das noch? Dann komme ich schnell zu konkreten Fragen: Habe ich eine Akkordprogression, an der ich beim letzten Mal noch kämpfte? Wie geht die Bridge von dem Song nochmal? Das muss nicht getrennt laufen – du kannst dir auch einen balladesken Jazz-Standard nehmen und den mit vielen Longtones spielen. „Autumn Leaves“ zum Beispiel hat von Natur aus lange Töne. Damit verbindest du Aufwärmen und musikalisches Arbeiten in einem.
Hast du ein Übe-Tagebuch oder einen Übeplan?
Nein, gar nicht. Aber mittlerweile habe ich alles im iPad – in forScore sind Tausende Heavytones-Titel drin, meine eigenen Songs, alles was ich für die Airforce Big Band oder mit Ingolf Burkhardt brauche. Und ehrlich gesagt ist mein Leben so voll mit Musik, die ich spielen darf, dass es keinen Sinn macht, mir zusätzlich noch fünf oder sechs Bücher zu laden. Ich muss regelmäßig mein bestehendes Repertoire wiederholen: Heavytones-Live-Programm, die Herbert-Features, Sax-Camp-Songs. Bis ich hinschaue, ist das Pensum schon wieder voll.
Trotzdem hat ihn ein Schüler und Kollege – Marius Herges aus der Trierer Ecke – schon vor Jahren auf ein Buch aufmerksam gemacht, das er noch nicht vollständig verinnerlicht hat:
Ben Wendels „Path to Altissimo“ soll sensationell sein. Ich habe Auszüge davon gesehen – aber bisher hat immer irgendetwas eine neue Priorität bekommen. Vor lauter Bob Reynolds und Ben Wendel kann man auch mal durcheinander kommen.

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Diminished Scale üben: Thorsten Skringers Übung für Saxofon auf der Dominante
Lass uns zu deiner Übung kommen – ich bin sehr neugierig, was du mitgebracht hast.
Ich habe eine Übung mitgebracht, die ich immer wieder mit Camp-Teilnehmern mache und die auch mir selbst gerade wieder frisch im Repertoire ist: die Diminished Scale – Halbton-Ganzton. Sie ist eigentlich total einfach zu verinnerlichen, wenn man mit der richtigen Anleitung daran geht. Und erst wenn man den Sound dieser Skala wirklich im Ohr hat, kann man sie anwenden und lebendig spielen. Für mich beim Improvisieren ist Diminished ein tolles Mittel zur Verschärfung einer Dominante. In der Diminished Scale steckt ein ganz normaler Dominantseptakkord – aber gleichzeitig auch ein verminderter Vierklang vom Grundton aus. Dieser Sound, der zwischen Dominantseptakkord und Vermindert hin und her wabert, ist unglaublich spannend.
Wie erarbeitest du dir das konkret?
Ich gehe von einem Akkord aus – sagen wir C7. Ich spiele mir zuerst das Arpeggio: C, E, G, B♭. Der Klang muss mir klar werden. Dann füge ich schrittweise die Töne der Diminished-Skala hinzu: Erst die ♭9 – das ändert den Sound sofort. Dann die ♯9 dazu. Dann die ♯11. Dann die normale 13. Damit habe ich beide Welten dargestellt: mein C7 und mein C vermindert – und zusammen ergibt das C Diminished Halbton-Ganzton. Das Geniale an dieser symmetrischen Skala ist: Mit diesen einmal gelernten Tönen decke ich mehrere Septakkorde ab. Ich übe das nicht mit Drones und Exercises, sondern direkt anhand eines Songs – zum Beispiel „Sweet Emma“ von Nat Adderley: Da gibt es eine lange Dominante, die zurück zu Eins führt. Ich spiele zwei Takte normales Dominant-7-Klischee und zwei Takte mit der Diminished-Erweiterung. So übe ich das Landen direkt im musikalischen Kontext. Diesen Ansatz – erst das Arpeggio verstehen, dann schrittweise ergänzen – habe ich von Greg Fishman. Es ist eine viel sinnvollere Erklärung als einfach eine Diminished Scale wegzulesen: Man versteht, wo sie herkommt und was sie auf einer Dominante macht.
Saxofon üben ohne Hochschulstudium: Thorsten Skringers Weg vom Bayerischen Wald zur Profi-Bühne
Hast du immer schon so geübt – aus dem Gehör raus, spielerisch anhand von Songs?
Ja, schon immer. Ich bin im Bayerischen Wald aufgewachsen, noch vor dem Internet. Es gab keinen Lehrer, es gab die David-Sanborn-CD – und ich hörte mir raus, was mir als Sechzehnjähriger möglich war. Was zu schnell war, lies ich erst mal ausgeklammert. Kleine Kinder lernen ja auch nicht zuerst die Grammatik und dann die ersten Wörter – sondern phonetisch, durch Kopieren des Gehörten. So bin ich auch vorgegangen. Funktionsharmonisch hatte ich keine Ahnung. Ich hatte nur Wörter, Phrasen und Vokabeln. Natürlich habe ich das alles irgendwann aufgeholt. Ich weiß heute, was eine Zwischendominante ist oder was eine Modulation in die Mollparallele bedeutet. Aber zuerst habe ich es akustisch aufgeschnappt.
Du hast damals auch gar nicht gewusst, dass es ein Landesjugendjazzorchester gibt?
Nein – wenn du keine Zeitschrift, kein Internet und keinen Lehrer hast, der davon weiß, weißt du es schlicht nicht. In Bodenmais im Bayerischen Wald 1988 wusste man, dass in 50 Kilometern die Stadt Deggendorf kommt – dann hörte das Wissen auf. Dementsprechend hatte man erst mal eine relativ unbekümmerte Kindheit, weil man gar nicht wusste, was eigentlich alles los ist. Heute fragen 14-, 15-Jährige die KI: „Wie hoch ist die durchschnittliche Verdiensterwartung eines Jazzmusikers in Deutschland?“ Dann lesen sie eine Zahl und denken: „Vielleicht sollte ich doch BWL studieren.“ Ich hatte kein Google, das mir mögliche Konsequenzen vor Augen geführt hätte. Und manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn man keine Konsequenz vor Augen hat – und damit auch keinen Plan B. Denn wenn es keinen Plan B gibt, muss Plan A funktionieren.
Und wenn du jetzt zurückschaust auf die Jazzschule – was war da deine große Erkenntnis?
Ich war mit 20 geistig vollkommen klar, dass das Allerletzte, was ich jetzt noch tun will, ein vier- oder fünfjähriges Musikstudium ist. An der Jazzschule gab es wirklich Gutes – Arrangement bei Franz David Baumann, Rhythmik bei Jan Celinka, der Bandworkshop war das Beste. Aber es gab auch einige Lehrer, die den Begriff nicht verdienten. Das hat mich aber noch mehr motiviert, zu mögen, was ich mag. Und es ist bis heute so geblieben: Wenn mir ein Jazzprofessor sagt, man dürfe die Tower-of-Power-Platten aus den 70ern nicht toll finden, dann wünsche ich ihm viel Spaß beim Rest seines Lebens.
„Und man muss irgendwann verstehen, dass in der Musik ein Ablösungsprozess stattfinden muss. Irgendwann geht es nicht mehr darum, wer es besser gekonnt hätte. Irgendwann muss man aufstehen und sagen: Jetzt laufe ich los. So, wie ich meine, dass es geht.“
Thorsten Skringer
Ich finde David Sanborn geil, ich finde Joshua Redman geil, Bob Mintzer, die Yellowjackets. Davon wird mich keiner abbringen. Das kann ich nur jedem empfehlen: Wenn man etwas gefunden hat, wofür man brennt, zieht es durch. Es gibt Wege ohne Hochschulstudium, um in der Musik stattzufinden. Gerade heute sind es die unbeugsamen Typen – und Typinnen -, die es machen werden. Eine Melissa Aldana schreitet mit ihrem Saxofon nach vorne, als gäbe es kein Morgen. Und man muss irgendwann verstehen, dass in der Musik ein Ablösungsprozess stattfinden muss. Irgendwann geht es nicht mehr darum, wer es besser gekonnt hätte. Irgendwann muss man aufstehen und sagen: Jetzt laufe ich los. So, wie ich meine, dass es geht.
Nie bereut: Was 35 Jahre als Saxofonist Thorsten Skringer über den Musikerberuf gelehrt haben
Mein letzter Gast, Akkordeonistin Viviana Chassot, hat gefragt: Weshalb hast du die Musik als Beruf gewählt – und hast du es je bereut?
Bereut? Natürlich nicht. Ich bin unendlich stolz darauf, dass ich seit über 30 Jahren als solo-selbstständiger Musiker ohne je eine Festanstellung meinen Weg gemacht habe – und immer noch Spaß und Leidenschaft dafür empfinde. Ob ich Musiker werde, war irgendwie wie die Frage nach Henne oder Ei – ich weiß gar nicht, was zuerst da war. Aber mit 13, 14, 15 war klar: Für eine Profi-Sportkarriere im Fußball reicht es nicht, ein paar Verletzungen haben das deutlich gemacht. Im Büro sitzen, gar noch vor einem Computer – das fällt vollständig aus. Dann bleibt nach Subtraktion aller anderen Optionen eh nur Musik übrig. Letzte Woche habe ich nach dem Konzert eine Dreiviertelstunde mit Sebastian Vettel an der Hotelbar gesessen. Er war als Herbert-Fan dabei, hat auf uns gewartet und dann gesagt: „Ihr Musiker habt es so geil. Ihr könnt mit 40, mit 50, mit 70 noch spielen und singen.“ Als viermaliger Formel-1-Weltmeister ist er mit Anfang 30 aufgehört, weil das dann einfach vorbei ist. In der Musik gibt es das nicht. Wenn ich jetzt bei Herbert in der Band schaue: Die Kernband ist 70 Plus und spielt vor 50.000 Leuten. Das ist einzigartig. Die Musik bietet alle Facetten – solo, Duo, Big Band – und sie bietet dir 20, 30, 50, 60 Jahre. Es gibt nichts Schöneres als Musiker zu sein.
Musikrecht, Selbstvermarktung, Leidenschaft: Thorsten Skringers Rat für angehende Saxofonisten
Was lernst oder übst du gerade, was du noch nicht gut kannst – auch gerne nicht-musikalisch?
Digitale Buchführung. Ich bin ein klassischer Schuhkarton-Klarsichtfolien-Typ: einmal im Quartal zum Steuerberater, alles drin, bitte selbst sortieren. Jetzt kommt die E-Rechnung, und das ist mein absolutes Angst-Thema. Digitale Ordnung, digitales Verständnis – ich werde es lernen. Ich habe in der Corona-Zeit Logic für Aufnahmen gelernt. Dann werde ich das auch hinbekommen.
Und wenn du auf dein jüngeres, angehendes Musikstudium-Ich zurückschaust: Welchen Tipp würdest du dir geben?
Das ist eigentlich kein einzelner Tipp, sondern ein Aufruf an alle Hochschulen und musikausbildenden Schulen: Musikrecht, Verlagsrecht, GEMA, KSK, GVL – das gehört als Pflichtfach ins Curriculum. Digitale Lizenzfragen, YouTube-Rechte, was macht ein Verlag für dich, was sind übliche Lizenzsätze, wie funktioniert die virale Darstellung rechtlich – da kannst du fast das Zehnfache an Stoff draufpacken wie für dein Hauptfach. Ich bin in ganz vielen Dingen aus purer Unwissenheit ins offene Messer gelaufen. Das war kein Pflichtfach, nirgends. Ich weiß nicht, wie weit die Popakademie Mannheim heute da ist – vermutlich deutlich weiter als die klassischen Musikhochschulen. Aber damals hat das komplett gefehlt. Und das gehört zum Beruf.
Thorsten, vielen herzlichen Dank – das hat großen Spaß gemacht.
Patrick, ich danke dir. Du hast es hervorragend vorbereitet und wirklich sehr empathisch geführt. Ich habe mich richtig gefreut und fühle mich geehrt, dabei sein zu dürfen.
Accordion title 1
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Accordion title 2
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Wer schreibt hier eigentlich..?
Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"

