Üben im Flow – wenn sich Üben mühelos anfühlt | what is practice
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Üben im Flow – wenn sich Üben mühelos anfühlt

Was ist Flow?

Wir alle kennen dieses Gefühl. Ob beim Sport, beim Lesen eines guten Buches, während eines anregenden Gespräches – oder eben beim Üben an unserem Instrument. Völlig in der Tätigkeit versunken, vergessen wir die Zeit und all das, was um uns herum gerade geschieht. Wir sind im Flow. Beim Üben im Flow fühlt sich die Arbeit am Instrument nahezu mühelos an. Viele Musikerinnen und Musiker fragen sich, ob dieser Zustand gezielt herstellbar ist – oder ob Flow nur zufällig entsteht. Genau darum geht es in diesem Artikel.

Flow, inzwischen ziemlich in Mode gekommene Begriff, beschreibt die tiefe Versunkenheit in eine Aufgabe, bei der man scheinbar in einen trance-ähnlichen Zustand gerät und selbst schwierige Aufgaben weniger anstrengend ablaufen.[1] Dabei ist dieser Zustand bei weitem kein Zufall. Mit den richtigen Methoden, lässt sich dieser Zustand in dein Üben integrieren.

„Flow is the way people describe their state of mind when consciousness is harmoniously ordered, and they want to pursue whatever they are doing for its own sake.”[2]

(Mihaly Csikszentmihalyi)


Was bedeutet „Flow“ überhaupt?

Geprägt wurde der Begriff besonders durch den amerikanischen Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi, der Anfang der 1970er dieses Phänomen beschrieb, als er versuchte Glück zu erforschen. Sein Buch (übrigens eine absolute Leseempfehlung) versteht sich allerdings nicht als eine Handreichung für ein glücklicheres Leben, sondern eher als Beschreibung in welchen Bereichen Flow erfahren werden kann. Darunter auch die Musik.

Um in besagten Zustand von „optimal experience“, wie ihn Csikszentmihalyi oftmals umschreibt zu gelangen, bedarf es sieben Komponenten. Wobei die ersten drei als notwendige Voraussetzung gelten, um diesen Zustand zu erleben. Die übrigen vier sind lediglich fakultativ und beschreiben die subjektiven Empfindungen während des Flows.

7 Voraussetzungen, um in den Flow zu kommen

Notwendig

  1. Klarheit der Ziele – Setze dir Tages-, Monats- oder Quartalsziele und strukturiere dir mithilfe dieser Meilensteine deinen Übeplan und deine Methoden.
  2. Konzentration auf ein begrenztes Feld – Wähle einen klar abgesteckten Bereich zum Üben aus (z.B. Takte 9-16; Tonwechsel D-E; etc.). Versuche Ablenkungen zu vermeiden.
  3. Das Verhältnis von Anforderungen und Fähigkeiten – Flow entsteht im Sweet Spot zwischen Langeweile und Überforderung. Wähle deine Übung so, dass sie diesen Kriterien entsprechen. Für Csikszentmihalyi war dies übrigens die wichtigste Voraussetzung.

Fakultativ

  1. Das Gefühl von Kontrolle – Du übst genau in deinem Sweet Spot. Also alles unter Kontrolle.
  2. Die Mühelosigkeit des Handlungsablaufs – Frage dich: Kann ich die Stelle mit noch weniger Anstrengung spielen?
  3. Die Veränderung des Zeiterlebens – War das wirklich schon eine halbe Stunde? 😉
  4. Das Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein – Du gehst ganz in deinem Üben auf!


In meinem Podcast „Wie übt eigentlich..?“ / MusicLab habe ich gemeinsam mit Marvin Frey mich ausführlicher mit dem Thema Üben im Flow beschäftigt – weniger theoretisch, dafür aus der Perspektive unseres eigenen Übealltags. Wenn du Lust hast, das Thema eher im Gesprächsformat zu vertiefen, findest du die Folge hier:


Wie geht Üben im Flow?

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie man einen derart paradiesischen Zustand beim Üben erreichen kann? Der Musiker und Diplom Psychologe Andreas Burzik beschäftigte sich eingehend mit Csikszentmihalyis Erkenntnissen und versuchte sie auf das musikalische Üben zu übertragen. Hierfür definierte er vier Prinzipien, um diesen Zustand beim Üben zu erleben. 

Körper und Instrument als Einheit

Üben im Flow wird demnach vor allem durch eine optimale und effektive Kraftübertragung vom Körper auf das Instrument, eine Fokussierung auf den eigenen Klang, das Gefühl von Anstrengungslosigkeit sowie den spielerischen Umgang mit dem Übematerial erreicht.[4] 

Die Dominanz sinnlicher Wahrnehmungen in dieser Auflistung (Kontakt zum Instrument und Klang) macht deutlich, dass diese Übetechnik besonders unsere Körperwahrnehmung fordert. Ziel ist es, sich ganz auf das Instrument einzulassen. Sich im wahrsten Sinne des Wortes mit ihm verbunden zu fühlen und dabei ganz auf den produzierten Klang einzugehen.

Klang als primärer Fokus

Gerade sich vom Klang führen zu lassen, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Erinnert man sich selbst allerdings an das eigene Üben, so verliert man sich tendenziell eher im Notenbild einer schwierigen Passage als im eigenen Klang. Gerade aber für intonierende Instrumente kann dies besonders hilfreich sein (Stichwort Obertöne). Beim Üben mit Drones entstehen sog. Differenzialtöne, die einem genau Auskunft über die eigene Intonation geben. Damit lassen sich spielerisch Skalen und schwierige Stellen mit klarem tonalen Zentrum üben.


Warum klassisches Üben Flow oft verhindert

Passives Gehirn, aktiver Körper – warum Flow Kontrolle reduziert

Die allgemeinen, kognitiven Aspekte des Übens (Ziele festlegen, Definition des Verhältnisses von Anforderung und Fähigkeit – vielleicht kann Dir hier die Pomodoro-Technik helfen?) müssen demnach vor der jeweiligen Übeeinheit erfolgen. Obwohl es bis heute noch keine explizite neurophysiologische Flow-Forschung gibt, so scheinen sich diese Erkenntnisse jedoch mit Ergebnissen aus dem Elektroenzephalogramm (EEG) zu decken. Hier stellte man Theta-Wellen-Aktivität, die sonst nur in Trance- oder Meditationszuständen und beim Dösen im Schlaf messbar sind, auch in Situationen extremer Aufmerksamkeit fest. Der Neurophysiologe Wolfgang Larbig deutete dieses Paradoxon mit einer Art Mikroschlaf der nicht benötigten Hirnareale – oder verkürzt ausgedrückt: „[…]passives Gehirn, aktiver Körper.“[5].

Rastergrafik


Gerade wenn es um Klarheit der Ziele und sinnvolle Fokussierung geht, scheitert Flow beim Üben oft an der fehlenden Struktur. Mit meiner Übeplan-Vorlage hast du ein Tool an deiner Hand mit dem das gelingt.

Übeplan Vorlage what is practice

Erstelle deinen persönlichen 4-Wochen Übeplan

Die größte Herausforderung beim Üben ist es, sich auf bestimmte Aspekte zu fokussieren. Diese sinnvoll auszuwählen ist nicht immer leicht. Genau dabei hilft dir die what is practice Übeplan-Vorlage.

  • Definiere deine Ziele
  • Strukturiere dein tägliches Üben
  • Coaching-Tool zum Visualisieren deiner Stärken und Schwächen
  • Auswertungs-Vorlage, die dich beim Erreichen deiner Ziele unterstützt
  • Übe-Tipps

Improvisation als natürlicher Flow-Verstärker

Tatsächlich lässt sich diese Art von Mikroschlaf bestimmter Hirnregionen auch im Bereich der Jazz-Improvisation feststellen. Wie eine Studie von Charles Limb und Allan Braun nahelegt, wird der dorsolaterale präfrontale Cortex (DLPFC) während der Improvisation weitgehend zugunsten des medialen präfrontalen Cortex (MPFC) deaktiviert.[6] 

Der DLPFC ist unter anderem das Arbeitsgedächtnis unseres Gehirns und ebenso verantwortlich für Planung als auch für die Entwicklung von Hemmungen. Improvisation, oder stark vereinfacht ein „spielerischer Umgang mit dem Übematerial“ führt offensichtlich also unweigerlich zu einem tranceähnlichen Zustand in unserem Gehirn.[7]

Selbstverständlich reicht diese Tatsache alleine noch nicht aus, um beim Üben den Zustand des Flows zu erleben. Mindestens die Punkte eins bis drei der sieben Komponenten fehlen noch. Eine konkrete Auseinandersetzung mit der Frage „Was soll gelernt werden?“ bleibt einem also weiterhin nicht erspart. Um dabei mehr Klarheit für dich zu schaffen, hilft es Ziele für dein Üben zu formulieren. Das können sowohl kurz– als auch langfristige Ziele sein. Wie Formulierungen für Ziele aussehen können, zeige ich dir in meiner Übeplan-Vorlage.

Flow in dein Üben integrieren

Üben im Flow ist keine Raketenwissenschaft. Mit dem richtigen Wissen und Tipps, wird es auch dir gelingen. Wenn dich interessiert, wie du diese Prinzipien konkret im Übealltag umsetzen kannst, findest du hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Üben im Flow.


Quellen

[1] vgl.: Burzik, Andreas: Üben im Flow. Eine ganzheitliche, körperorientierte Übemethode, in: Mahlert, Handbuch Üben, S. 265-286, hier: S. 265.

[2] Csikszentmihalyi, Mihaly: Flow. The Psychology of Optimal Experieince, New York 1991, S. 6.

[3] vgl.: Burzik, Üben im Flow, S. 265-268.

[4] vgl.: Burzik, Üben im Flow, S. 273-276.

[5] Bongartz, Walter; Luczak, Hania; Warter, Stefan: Hypnose. Die Macht des verborgenen Ich, in: GEO 2 (1995), S. 16-36, hier: S. 33.

[6] Braun, Neural Substrates of Spontaneous Musical Performance.

[7] An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Studie von Limb und Braun auch vielfach kritisiert wurde, da sie aufgrund der geringen Teilnehmerzahl von sechs Pianisten nicht repräsentativ genug sei.

Wer schreibt hier eigentlich..?

Patrick Hinsberger auf Treppe mit Trompete
Musiker | Podcast-Host | Blogger |  + posts

Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"

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