Buchtipp: Learn Faster, Perform Better | what is practice
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Buchtipp: Learn Faster, Perform Better

Was steckt wirklich hinter der Neurowissenschaft des Übens?

Du hast eine Stelle zwanzig Mal gespielt. Im Überaum klingt sie sauber. Im Konzert ist sie plötzlich weg — als hättest du sie nie geübt. Was ist passiert? Die Antwort liegt nicht in deinen Fingern, sondern in deinem Gehirn. Und genau das erklärt Molly Gebrian in diesem Buch — fundiert und mit sofort anwendbaren Strategien fürs tägliche Üben.

Learn Faster, Perform Better – Molly Gebrian

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Dreimal möchte ich laut „Ja!“ rufen auf die Frage, ob wir wirklich noch ein Buch übers Üben brauchen. Denn Dr. Molly Gebrians fundierter und praxisnaher Leitfaden bietet zahlreiche Erkenntnisse und konkrete Strategien, die das eigene Üben nachhaltig verändern können.

Im Zentrum steht die Frage, warum viele Musikerinnen und Musiker trotz intensiven Übens nicht die gewünschten Fortschritte erzielen. Gebrian zeigt, dass dies häufig daran liegt, dass traditionelle Übemethoden nicht mit den tatsächlichen Funktionsweisen des Gehirns übereinstimmen. Sie greift auf Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie und Neurowissenschaft zurück und erklärt verständlich, wie Lernen, Gedächtnis und motorische Fertigkeiten optimal zusammenspielen. Ihre Ausführungen werden durch zahlreiche Studien gestützt.

Wer ist Molly Gebrian?

Dr. Molly Gebrian ist ausgebildete Bratschistin mit einer Passion für Neurowissenschaften. Sie hat Abschlüsse in Musik und Neurowissenschaften vom Oberlin College und Conservatory, dem New England Conservatory of Music sowie der Rice University. Ihr Fachgebiet ist die Anwendung der Lern- und Gedächtnisforschung auf das Üben und Konzertieren. Nach einem Jahrzehnt als Viola-Dozentin an Hochschulen trat sie im Herbst 2024 als erste „Teaching Artistry Scholar-in-Residence“ in die Fakultät des New England Conservatory of Music ein, um dort die Wissenschaft des Übens zu lehren. Diese Doppelkompetenz — Profi-Musikerin und Kognitionsforscherin — macht ihr Buch zu etwas Besonderem im weiten Feld der Übeliteratur.

Aufbau und Struktur des Buches

Das Buch gliedert sich in vier zentrale Themenbereiche:

  • Grundlagen des Gehirns: Wie Lernen, Gedächtnis und motorische Fertigkeiten zusammenspielen
  • Effiziente Nutzung der Übezeit: Strategien für mehr Wirkung in weniger Zeit
  • Die Kraft des Geistes: Mentales Üben, Fokus und Aufmerksamkeit
  • Spezifische Herausforderungen: Auswendiglernen, Intonation, Tempo, Lampenfieber

Ergänzt wird das Buch durch praktische Anhänge: Zusammenfassungen aller Übestrategien, Übekalender und instrumentenspezifische Tipps für Streicher, Bläser, Schlagzeug und Gesang. Wer sich zunächst nur einen Überblick verschaffen möchte, kann die kostenlos herunterladbare Strategieliste auf Gebrians Website nutzen.

„Traditionelle Übemethoden stimmen häufig nicht mit den tatsächlichen Funktionsweisen des Gehirns überein.“

Warum Wiederholen allein nicht reicht

Im Zentrum steht eine unbequeme Frage: Warum erzielen viele Musikerinnen und Musiker trotz intensiven Übens nicht die gewünschten Fortschritte? Gebrians Antwort ist klar — und ernüchternd: Weil traditionelle Übemethoden häufig nicht mit den tatsächlichen Funktionsweisen des Gehirns übereinstimmen.

Das Kernproblem ist das sogenannte Blocked Practice: Beim blockweisen (seriellen) Üben wird eine Passage mehrfach hintereinander wiederholt. Das führt zwar schnell zu sichtbaren Fortschritten, diese bleiben jedoch oft oberflächlich und sind wenig dauerhaft. Im Konzert, in der Prüfungssituation, unter Druck — genau dort, wo es zählt — ist sie oft nicht mehr verfügbar.
Im Gegensatz dazu steht das zufällige („Random“) Üben, bei dem ständig zwischen verschiedenen Aufgaben oder Stellen gewechselt wird. Diese Methode ist zunächst anspruchsvoller, führt jedoch zu stabilerem Lernen und besserer Abrufbarkeit.

Studien – auch aus dem Sportbereich – zeigen, dass sich scheinbare Sicherheit beim blockweisen Üben oft nur auf die konkrete Übezusammenhang beschränkt. In der Konzert- oder Prüfungssituation kann sie daher leicht verloren gehen. Beim zufälligen Üben hingegen muss das Gehirn jede Bewegung neu abrufen, was die Kontrolle stärkt und unabhängiger vom Kontext macht. Üben sollte sich daher weniger wie bloßes Wiederholen anfühlen, sondern vielmehr wie kontinuierliches Problemlösen.

Interleaved Practice: Das Gehirn aus der Komfortzone holen

Den wichtigsten Gegenentwurf nennt Gebrian Interleaved Practice — auf Deutsch: verschachteltes Üben. Statt eine Stelle endlos zu wiederholen, wechselt man systematisch zwischen verschiedenen Aufgaben, Stellen oder Tonarten. Das Gehirn muss sich jedes Mal neu orientieren und kann sich nicht auf den Kontext verlassen. Das ist zunächst unbequemer und langsamer — führt aber zu deutlich stabilererem, abrufbarerem Lernen.

Was Gebrian neurowissenschaftlich beschreibt, habe ich in meinen Podcast-Interviews mit Profimusikern immer wieder intuitiv gehört. Theo Plath, Solofagottist des hr-Sinfonieorchesters, formulierte es in unserem Gespräch so:

„Ich versuche im Üben nie zu reproduzieren, sondern immer sowohl etwas zu suchen als auch meine Vorstellung zu entwickeln.“

Theo Plath

Zwei Methoden, die du sofort ausprobieren kannst

Das Buch ist ein Workbook im besten Sinne. Hier sind zwei Kostproben aus meiner eigenen Erprobung:

Die Lotterie-Methode

Schreibe verschiedene Tonarten, Artikulationen und Tempi auf separate Zettel. Ziehe täglich neu kombiniert. So entsteht automatisch ein abwechslungsreiches Technik-Programm — und dein Gehirn muss bei jedem Durchgang von vorne denken, statt auf Autopilot umzuschalten. Genau das ist der Mechanismus, den Gebrian als entscheidend für dauerhaftes motorisches Lernen beschreibt.

Rastergrafik

Übekarten

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Die 5-Haken-Regel

Wähle 3–5 schwierige Stellen aus (nicht zu viele Takte auf einmal!) und kennzeichne sie mit Post-its. Spiele nun die erste Stelle — war alles korrekt, male einen Haken auf den Notizzettel und gehe weiter zur zweiten Stelle. Wenn Du alle Stellen gespielt hast, beginne wieder von vorne. War es korrekt: ein weiterer Haken. War es nicht korrekt: Haken wieder weg. Das Ziel: fünf Haken auf jeder Stelle. Das Prinzip dahinter ist Interleaved Practice in der Praxis — das Gehirn muss jede Stelle jedes Mal neu abrufen, statt sie im Fließ zu „bewachen“.

Pausen sind kein Luxus — sie sind die eigentliche Arbeit

Ein zentraler Aspekt des Buches ist die Bedeutung von Pausen. Fortschritt entsteht nicht nur während des Übens, sondern vor allem in den Ruhephasen und im Schlaf, wenn das Gelernte verarbeitet und gefestigt wird. Kurze Mikropausen zwischen Übedurchgängen unterstützen diesen Prozess zusätzlich. Ebenso wichtig ist es, nicht zu ähnliche Passagen direkt hintereinander zu üben, sondern bewusst Kontraste zu setzen.

Wer also sein Potenzial besser ausschöpfen und nachhaltige Fortschritte erzielen möchte, ist bei Molly Gebrian genau richtig. Ergänzend lohnt sich ein Blick auf ihren YouTube-Kanal, auf dem sie ihre Erkenntnisse anschaulich vertieft.

Auf einen Blick

Learn Faster, Perform Better

Molly Gebrian

Sprache: Englisch
Verlag: Oxford University Press
Umfang: 255 Seiten
Für wen: Alle Musiker*innen, die ihr Üben verbessern möchten
Sonstiges: –

Wer schreibt hier eigentlich..?

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Britta Roscher studierte Querflöte an der Wiesbadener Musikakademie und an der Hochschule für Musik Detmold, ist diplomierte Suzuki-Lehrerin für Flöte und besuchte Meisterkurse unter anderem bei Wil Offermans, Robert Dick, Jos Rinck, Carin Levine, Peter-Lukas Graf und Jeanne Baxtresser. Sie ist eine begeisterte Kammermusikerin in festen Ensembles und wirkte bei verschiedenen Musical- , Rundfunk- und CD-Produktionen mit.
2022 erschien ihr musikalisches Kinderbuch „Pusten, Prusten, Blubbern, Klappern - ein flötistisches Dschungelkonzert“.
Sie gibt regelmäßig Workshops im In- und Ausland u .a. für den VdM, Verband Bayerischer Sing-und Musikschulen, VHS Wiesbaden, Oö. Landesmusikschulwerk (AT), Suzuki Vereniging Nederland (NL), Suzuki Summer Camp (UK) und Artis Music. Konzertreisen führten sie nach Skandinavien, Benelux, UK, Italien, Frankreich, Polen und der Schweiz.
In ihrem eigenen Musik-Studio unterrichtet sie seit über 25 Jahren Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

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