In dieser Folge von „Wie übt eigentlich..?“ ist der Schweizer Trompeter Lukas Thoeni zu Gast – und er bringt eine Übe-Philosophie mit, die gleichzeitig radikal simpel und erstaunlich konkret ist: „Üben heißt Arbeit“ – aber im besten Sinne. Lukas beschreibt Üben nicht als Pflichtprogramm, sondern als den Teil seines Musikerlebens, auf den er sich sogar freut. Sein übergeordneter Leitstern dabei: Trompete spielen soll sich leicht anfühlen – körperlich, mental und musikalisch.
Wir sprechen darüber, warum ihn Struktur oft stresst und wie bewusst zugelassenes Chaos ihm hilft, den Fokus auf das Wesentliche zu schärfen. Lukas erzählt von seinem Weg weg von starren Übeplänen hin zu einer energie- und lustbasierten Praxis, die trotzdem messbar bleibt – etwa mit Strichlisten, Wiederholungsraten und einem spielerischen „Gamification“-Ansatz.
Besonders spannend: seine Darts-Metapher fürs Üben (drei Pfeile, kurze Pause, wiederholen) und sein Zugang über Momentum statt Langsamkeit, Naturton-Sprünge, mentale Pantomime und das mutige Parodieren von Vorbildern. Ein Gespräch über Gelassenheit, Entscheidungsfähigkeit auf der Bühne und die Frage, wie man nach Jahrzehnten am Instrument nochmal echte Fortschritte macht.

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Wie übt eigentlich Lukas Thoeni?
Die erste Frage, mit der es immer losgeht, lautet vervollständige folgenden Satz Üben heißt für dich?
Arbeit.
Nur das?
Eigentlich nur das, also wenn ich hier schon darf, ich würde es gerne ein bisschen erläutern. Ich finde Arbeiten was vom Tollsten und ich habe eine Berufswahl getroffen, die nicht unbedingt so eine Work-Life-Balance erfordert, sondern ich habe mir was gewählt, was ich eben immer machen möchte. Und Üben ist die einzige Arbeit und ich freue mich eigentlich immer darauf. Ich habe einen geilen Job.
Musikalische Prägungen & Inspiration
Das finde ich, wenn man das sagen kann, ist das mega schön. Gibt es denn aktuell bei dir ein Album “Künstler, Künstlerin”, die in Dauerschleife läuft?
Nein, aber es gibt es immer mal wieder. Einen Künstler, Philip Dizack, höre ich tatsächlich mega viel, weil es mich trompeterisch und musikalisch inspiriert. Das Spezielle für mich an der Situation ist, dass Philip auch ein echt guter Freund ist von mir. Aber bei ihm war es zum ersten Mal so, dass ich dachte, so würde ich gerne spielen können und wenn ich so spielen können würde, würde ich möglicherweise tatsächlich auch die gleichen künstlerischen Entscheidungen fällen. Da kommen zwei Dinge zusammen, die ich ansonsten nicht so erlebe. Und deshalb, wenn es mir um Trompeteninspiration geht, ist er schon ganz weit oben auf der Liste. Ich habe mich bestimmt im Verlauf des Gesprächs noch ein bisschen näher darauf eingelassen.
Das finde ich cool. Und wenn du jetzt einmal in die Rückschau gehst, würdest du sagen, dass es eine CD oder vielleicht auch da ein Künstler, Künstlerin gibt, die dich auf dein Spiel sehr geprägt hat?
Ja, ich glaube, ich kann das tatsächlich auf ein Album herunterbrechen, auch wenn das natürlich schwierig ist. Das ist der Nicholas Payton “Fingerpainting”. Der spielt er nur Herbie Hancock-Stücke im Trio mit Bass und Gitarre. Und es wirkt alles total raw. Ich glaube, die stehen zusammen in einem Raum und spielen einfach. Und es ist immer noch ein Album, das ich mit auf die Insel nehmen würde.
Und würdest du sagen, dass es daraus irgendwas gibt, was dich in deinem Spiel auch heute noch beeinflusst auf eine Art?
Absolut. Ich glaube, es ist immer noch irgendwo ein Leitstern von trompetischer Energie, glaube ich. Von Phrasing, von dieser Mischung aus kraftvollem Spiel und Kontrolle und balladeskem und weichem Sound. Es kommt mega viel zusammen, was das Album ganz klar mit dazu beigetragen hat, dass ich überhaupt Berufsmusiker werden wollte. Und das steht irgendwie als Leitstern noch immer ganz klar in meinem Leben drin. Auch wenn ich es nicht mehr die ganze Zeit habe.
Ja, voll schön. Ich habe ein paar Entweder-Oder-Fragen dabei, um vielleicht den Menschen außerhalb der Schweiz vor allen Dingen diesen ein bisschen näher kennen zu lernen. Du bist ein Joker. Und ansonsten bin ich sehr gespannt, wie du dich entscheidest.


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Entweder-oder-Fragen
Aare-Schwumm oder Bergtour?
Wow, das beginnt schon schwierig. Beides mega toll. Aare-Schwumm.
Zeit lassen oder Zeit nehmen?
Zeit nehmen.
Wenig und oft oder selten und viel?
Selten und viel.
Da müssen wir nochmal drüber reden später, glaube ich.
Unbedingt.
Kopf oder Körper?
Kopf.
Würdest du sagen, dass es so einen Moment gibt, das hast du im Vorgespräch schon ein bisschen so anklingen lassen, wo du quasi den Fakten eher vertraust als deinem Körpergefühl? Also gibt es so einen Zwiespalt und so einen Switch irgendwann?
Immer mal wieder. Und generell vertraue ich natürlich meinem Körpergefühl. Allerdings führt das nicht unbedingt dazu, dass ich neue Dinge ausprobiere. Und wenn was Neues ist, fühlt es sich häufig eben nicht natürlich und entsprechend möglicherweise körperlich auch gar nicht so gut an. Und ich glaube, wenn ich mich nur aufs Gefühl verlasse, bin ich weniger mutig in meinen Entscheidungen.
Ja, spannend. Analog oder digital?
Digital.
Digital. Struktur oder Chaos?
Hm. Das zielt darauf ab, auf zwei Dinge. Was mache ich tatsächlich und was würde ich gerne machen? Und ich hätte gerne mehr Chaos in meinem Leben. Und ich würde es gerne besser zulassen können, das Chaos. Ich habe Schwierigkeiten, das zuzulassen. Ich glaube aber daran, dass, wenn ich mich fokussieren möchte, ich auf anderen eben Chaos zulassen sollte. Und entsprechend sage ich hier Chaos.
Okay. Da gehen wir auf jeden Fall später nochmal drauf ein. Das finde ich einen sehr interessanten Punkt, den du auch schon im Vorgespräch erwähnt hast. Und die letzte Frage schon. Sicherheit oder Neugier?
Neugier. Und ich habe meinen Joker nicht gebraucht.
Ich kann im Nachhinein den Joker noch auf die erste Frage, Aare schwimmen oder Berg tour anwenden.
Kannst du machen, ja.
Weil es ist echt schwierig, aber ich wohne jetzt so nahe von der Aare, dass ich das halt einfach mehr mache und da auch mehr Energie draus ziehen kann.
Der Leitstern: Leichtigkeit beim Trompete spielen
Wenn wir auf deinen Über-Alltag mal schauen. Wann würdest du sagen, ist dir zum letzten Mal beim Üben jetzt ganz konkret was leicht gefallen und woran hast du das gemerkt?
Vorgestern. Gestern habe ich nicht geübt, weil ich eine Acht-Stunden-Probe hatte. Und ich habe mich ein bisschen treiben lassen und plötzlich dachte ich, ach geil, jetzt macht Trompete spielen echt mega Spaß. Und ich habe einfach drauf losgespielt. Es war kein Stück. Ich habe improvisiert ohne Begleitung und gedacht, ja, genau so. Irgendwie ist mega viel zusammengekommen. Ich war nahe an meinem Optimum dran.
Und wenn du sagst, du warst nahe am Optimum dran, was ist quasi dann das Merkmal, wo du sagst, okay, krass, daran mache ich gerade fest, dass es mir leicht fällt. Also ist es dann Klang oder ist es dann, dass es auch physisch leicht funktioniert, dass du mental voll fokussiert bist? Wie würdest du das festmachen da?
Sicher eine Mischform von allem. Aber ich glaube, wenn der Schritt von musikalischen Idee oder Intuition eher nicht eher zur Übertragung sich mega unmittelbar anfühlt. Und dass das so sein kann, erfordert eine Leichtigkeit auf dem Instrument, weil das Instrument sich ansonsten manchmal als Bremsklotz anfühlen kann und nicht als Hilfsmittel.
Und vorgestern ist da einiges zusammengekommen. Und ich habe gedacht, das ist eigentlich die Unmittelbarkeit von Intuition auf das Instrument oder sich selber sogar überraschen und eigentlich sich selber zuhören können. Also es fühlt sich manchmal an, als würde ich neben mir stehen und mir zuhören und denken, ha, der spielt eigentlich schon noch geil Trompete. Und wenn das passiert, dann würde ich sagen, kommt einiges zusammen.
Und kannst du das Gefühl aktiv herbeiführen selber oder ist das was, was einfach so über dich herfällt dann?
Ich weiß einige Dinge, die ich machen kann, damit sowas wahrscheinlicher ist. Aber einfach so auf Abruf kann ich es noch nicht, aber ich bin näher dran als auch schon.
Was wäre zum Beispiel eins, wo du weißt, das hilft mir auf jeden Fall?
Wenn ich davor konzentriert übe, darüber werden wir ohnehin noch sprechen, ohne das jetzt weiter auszuführen. Und das kann was total Technisches oder Unmusikalisches sein. Es kann sogar was sein, was so schlecht klingt, dass ich es niemandem zeigen würde. Aber wenn ich beim Üben es schaffe, über eine gewisse Zeit mich nur auf das Spielgefühl zu fokussieren und dann vielleicht eine ganz kurze Pause, ein kurzes Instrument hinlegen und dann wieder spiele und sich dieses Gefühl plötzlich aufs Musikmachen überträgt, dass Leichtigkeit eigentlich plötzlich Einzug nimmt ins Trompete spielen.
Und dann würdest du auch sagen, das war ein guter Übetag auch, ne? Wenn du diese Selbstwirksamkeit erfährst, schon in die Richtung.
Absolut, ja.
Wenn wir das Ganze umdrehen würden, wann würdest du denn sagen, hast du einen schlechten Übetag? Das klingt vielleicht ein bisschen komisch.
Wenn ich es nicht schaffe, vom Ergebnis-orientierten Abstand zu nehmen. Wenn das Ergebnis, was ich erreichen möchte, immer im Zentrum steht, dann ist die Wahrscheinlichkeit zur Enttäuschung relativ hoch. Und wenn ich aber Metriken oder Parameter anzuwenden versuche, von denen ich weiß, dass ich sie erreichen kann, eine bestimmte Anzahl Wiederholungen, eine bestimmte Zeit, die ich mit einem bestimmten Inhalt füllen möchte, da habe ich eine klare Metrik und das kann ich eigentlich durchziehen und dann bin ich auch nicht so judgy, ich bewerte mich nicht so krass. Und dann fühlt es sich eigentlich schon eher nach Training an als nach Üben an. Und wenn das passiert, ich bewerte mich weniger, ich lasse auch zu, dass mal was nicht geht. Und da kommt, das erhöht auch die Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Leichtigkeit im Spiel und im Mindset, glaube ich.
„Wenn das Ergebnis, was ich erreichen möchte, immer im Zentrum steht, dann ist die Wahrscheinlichkeit zur Enttäuschung relativ hoch.“
Lukas Thoeni
Nutzt du dann, das klingt ja fast schon ein bisschen nach Sportworkout, nutzt du dann auch so Trainingspläne, um dir zu sagen, das ist mein Workoutplan für morgen zum Beispiel, ich möchte die Anzahl von Wiederholungen, ich möchte die Zeit mit der und der Übung füllen, wie du das vorher auch so aufschreibst und um diesem selber bewährten Beurteilen so aus dem Weg schon zu gehen vorab?
Nein, also ich habe mega lange, die meiste Zeit eigentlich von der Entscheidung an, dass ich Berufsmusiker werden will, habe ich auf diese Weise geübt. Ich hatte klare, strukturierte Übepläne, die möglichst viel abgedeckt haben. Jetzt ist es ein bisschen anders. Ich sehe üben und vielleicht leben und durch den Alltag kommen als eine Aneinanderreihung von Entscheidungen. Und ich habe als Musiker, vielleicht könnte man das Luxus nennen, die Freiheit, relativ viel zu entscheiden, sprich meine Zeit frei einzuteilen.
Und ich bin besser darin geworden, meine Energie und meine Lust auf Dinge zu verstehen. Und wenn ich einmal im Jahr Bock auf Buchhaltung habe und ich dann Üben eingeplant habe, ist es eigentlich eine blöde Idee, weil ich eigentlich nie Bock auf Buchhaltung habe. Und wenn ich es dann mache, dann ist es auch easy und ich kann es durchziehen. Umgekehrt, das ist einfach so ein Beispiel, was wahrscheinlich alle verstehen, die wenigstens nachher Bock auf Buchhaltung haben. Und auf Üben habe ich eigentlich noch häufig Bock. Und dann überlege ich mir tatsächlich kurz, was kann ich mir tatsächlich gut vorstellen? Und das steht natürlich schon unter dem Leitstern von was ich erreichen möchte.
Aber je nachdem, ist es halt die Vorbereitung für Swiss Jazz Orchestra oder aber es sind komische technische Übungen und so. Und ich versuche tatsächlich vorauszusehen, wofür ich auf eine gute Weise und mit relativ wenig Widerstand Energie aufbringen kann. Also nicht allzu viel voraus zu planen, was ich schon ein Leben lang gemacht habe. Also deshalb, ich glaube schon dran, aber aktuell fühlt es sich viel entspannter an, einfach irgendwie in mich hereinzuhören und zu denken, hey, ich könnte jetzt easy mal eine vierte Stunde ein paar Töne aushalten oder irgendwie eine komische Flexibility Übung machen. Und wenn sich das so anfühlt, mache ich genau das.
Das klingt irgendwie nach einer sehr, sehr schönen Art von Gelassenheit, die dich da irgendwie überkommen hat. Stimmt das?
Das stimmt. Das ist natürlich nicht immer so. Und ich muss jetzt ein bisschen schmunzeln, weil was du sagst, ist eigentlich ein notiertes Ziel von mir. Ich möchte so viel mehr Gelassenheit. Ich glaube, das geht wahrscheinlich vielen Musikern und Musikerinnen so, dass man sich auf was einlässt, von dem man weiß, es wird stressige Situationen geben. Man wird nicht finanziell entsprechend dafür entschädigt. Man exponiert sich, all diese Dinge. Aber eigentlich könnte es ja so schön sein. Und ich habe so die Schönheit vom in meinem Musiker-Dasein. Ich habe der viel zu wenig Raum gegeben. Und das gelingt mir in der letzten Zeit besser. Und wenn sie jetzt so rüberkommt, bin ich wahrscheinlich schon ein bisschen näher an meinem Ziel dran, als ich es selber für mich empfunden hätte.
Spannend. Das fand ich ganz interessant in einem Interview, das ist lustigerweise schon jetzt fast fünf Jahre her, mal gesagt, dass du so mit Mitte 30 auch jetzt so einen Leichtigkeitsschub auf dem Instrument erfahren hast. Das geht ja quasi eigentlich schon so in so eine ähnliche Richtung. Und dass du auch bei Kollegen das festgestellt hast, das habe ich damals Ambrose genannt, als ein Beispiel, mit dem du damals in Kontakt warst, der auch gesagt hat, so mit Mitte 30 hat sich da irgendwas getan, dass das instrumentale Spielen sich irgendwie leichter anfühlt. Ist das dann auch nochmal, was du vorher schon meintest, dieser Dreiklang aus, ich bin näher meinem Klang, also näher an diesem Optimum, ich bin mental einfach fokussierter, oder ist es auch schon was, was du gerade meintest, diese Gelassenheit einfach auch zu fühlen, zu verstehen, was der eigene Körper eigentlich gerade braucht. Also die Frage zieht darauf ab, wie hast du das bei dir festgestellt und woran machst du diese Leichtigkeit mehr fest, die du da mit Mitte 30 erfahren hast?
Ich glaube, wenn ich sagen müsste, ob ich eine Superpower habe, dann ist es tatsächlich, und das ist schon länger so, und das hat sich eben mit Mitte 30 dann besser etabliert, im Gegensatz zu vielen Leuten, ich kann es auf der Bühne eigentlich normalerweise besser als zu Hause. Und das hat sich dann immer stärker etabliert, das heißt, es ist so eine Intuition reingekommen, eine Grundvertrauen gegenüber mir selber als Mensch, aber auch mir als Musiker und Trompeter, dass ich, ich habe dermassen viele Konzerte auch um Mitte 30 herum gespielt, über 200 pro Jahr, viele Popgigs, aber auch Jazzgigs dazwischen und so, und eigentlich zu merken, es geht ja immer, es fühlt sich nicht immer mega toll an und es gibt große Unterschiede dazwischen, aber eigentlich geht es ja immer. Und das hat, glaube ich, eine riesen Entspanntheit reingebracht und dadurch auch ein Vertrauen in meine Herangehensweisen und meine Methoden, und die haben sich davor schon ein bisschen zu ändern begonnen, das heißt, auch ein Vertrauen in Veränderungen von Methoden und ein Vertrauen in Experimentieren, und ich werde nicht Trompete spielen verlieren, wenn ich jetzt mal was Neues, Unorthodoxes ausprobiere, und so, diese Faktoren zusammen haben, glaube ich, zu einer Entspanntheit geführt in der Herangehensweise, aber auch in der Performance.
Struktur vs. Chaos im Üben
Du hast ja vorher so schön bei den Entweder-Oder-Fragen gesagt, dass diese Diskrepanz zwischen Struktur und Chaos quasi eines deiner, ich nenne es mal in Anführungszeichen, Baustellen ist von mir aus, und ich kenne das von mir auch, dass man ja eigentlich versucht, möglichst viel zu kontrollieren, was ja eigentlich schon dieser Widerspruch zu dieser Leichtigkeit ja auch ist, obwohl es ja gegen das Spülen ja auch geht, aber es gibt, glaube ich, ganz vielen so, dass man eigentlich versucht, durch entweder Pläne, Strukturen, Tagesabläufe, sein Üben irgendwie in einen bestimmten Tagesabschnitt reinzupacken, sich aufzuschreiben, was möchte ich machen, und du hast ja schön auch gesagt, na ja, dann muss ich aber auch dann lernen, zuzulassen, dass der ganze Rest drumherum irgendwie im Chaos ist. Also, welche Rolle spielt Struktur für dich denn in deinem Üben? Also, ist das eine Art der Versuch, dann die Sachen, die du aktiv machst, zu kontrollieren, und wie gelingt dir das dann auch?
Ganz einfach gesagt, oder ich würde mal sagen, so als Leitstern und als Entscheidungsgrundlage, denke ich, wenn ich mich auf etwas fokussieren will, bleibt anderes automatisch auf der Strecke. Und aufs Kleine runtergebrochen, auf unserem Instrument, auf der Trompete, es ist ja so, dass wir wahrscheinlich alle beigebracht bekommen, okay, es gibt Fingerübungen, es gibt Flexibility-Übungen, es gibt Zungenübungen, es gibt Range, Tonproduktion, dann solltest du ein bisschen Scales üben und Arpeggios und so weiter und so fort, und alles könnte hier fünf Minuten, da zehn Minuten, hier vielleicht nur drei und so weiter und so fort, damit ich alles gemacht habe. Und ich glaube, das macht zu verschiedenen Zeiten im Leben möglicherweise auch Sinn.
Ich spiele aber das Instrument schon 30 Jahre oder mehr. Wenn ich also das mache, was ich gerade beschrieben habe, also irgendwie so einen Plan durcharbeite und in Control bin von gefühlt allem, dann bin ich erstens gestresst, zweitens fokussiere ich möglicherweise nicht auf die Dinge, die mir gerade am meisten bringen würden und spreche auch auf dem Instrument. Wenn ich zulasse, dass ich vielleicht ein Jahr lang nur versuche, ich sage was ganz komisches, C4 zu spielen, ohne dass es anstrengend ist, Tottel habe ich, empfehle das nicht, ganz bewusst was komisches, dann erhöre ich ja die Chance, dass ich diese Note spielen kann und ich lasse auch zu, dass andere Dinge vielleicht darunter ein bisschen leiden.
Aber die anderen Dinge, ich weiß ja bereits, wie die funktionieren, ich kenne bereits die Methoden, die wieder aufzuwärmen und wieder hinzukriegen. Das heißt, wenn ich solche oder vergleichbare Dinge mache, dann kriege ich mehr Erkenntnis raus. Und das andere ist, ich glaube, für das komische Beispiel Buchhaltung, das ist eigentlich eine Metapher für Alltagsplanung, wir müssen es alle machen, es macht keinen Bock. Wenn ich das in zwei Tagen durchziehen kann, für das ganze Jahr, ist es wahrscheinlich am effizientesten. Das widerspricht aber der allgemeinen Annahme vom Trompete üben, weil dann übe ich ja zwei Tage nicht Trompete.
Und deshalb auch hier, ich habe nämlich auch gesagt, viel und selten, auf eine Art ist es ein Wunsch von mir. Ich glaube nicht, das ist auch eine Utopie, aber so als Streben, wenn ich, sagen wir mal, ich hätte eine Technik, die mir ermöglichen würde, wenn fünf Tagen oder vier Tage sogar die Woche, fünf, sechs Stunden zu üben und dann einen Tag ganz frei zu machen und zwei Tage tatsächlich effizient und hochkonzentriert meine Büroarbeit zu erledigen, fände ich das total wünschenswert. Ich sage nicht, dass es so ist, es muss auch nicht unbedingt Ziel sein, aber ich glaube, das beschreibt hoffentlich diese Spannung zwischen Kontrolle und Chaos und unterm Strich auch, dass ich eigentlich glaube, wenn ich Chaos zulasse, dass ich mehr Kontrolle habe über meinen Fokus. Und den halte ich für im Endeffekt das Wichtigste für meinen eigenen Fortschritt und mein Fortschritt wiederum das Wichtigste für meine Motivation.
Vielleicht gehen wir mal einen Schritt tiefer und gucken mal so wirklich in diese, also wenn du sagst, diese Übe-Inhalte wären so ein bisschen intuitiver bei dir. Vielleicht gehen wir da einen Schritt mal tiefer. Würdest du sagen, dass es trotzdem, das ist vorher angesprochen schon, dass es, wenn du diese Leichtigkeit verspürst und einfach drauf losspielst und dann dich sehr, also wenn du so wie selbst dich beobachtest und dann sagst, ah cool, ein guter Trompeter und dann vorher im besten Fall Übungen gemacht hast, also gibt es dann trotzdem, trotz allem Chaos, was du versuchst und lernst zuzulassen, Elemente, die du immer übst und die quasi wie zu einer Routine gehören für dich?
Beim Trompeterspielen jetzt konkret? Nein, ich versuche das eigentlich nicht mehr zu machen, sondern ich habe wie ein übergeordnetes Ziel, was immer sich beim Üben irgend auf eine Art und Weise anstrengend anfühlt, möchte ich loswerden. Ich möchte nicht, dass mein Trompeterspielen sich anstrengend anfühlt. Das ist auch utopisch, das ist mir absolut bewusst. Es gibt die physischen Komponente vom Instrument und das ist das übergeordnete Ziel. Das heißt, wenn ich zum Beispiel das Swiss Jazz Orchester Programm für den nächsten Montag jeweils lerne, ich könnte das viel schneller lernen, einfach “normal” Trompeterspielen, all das Zeug irgendwie durchackern und die Aufnahmen hören und gut ist. Wenn ich aber all diese Stücke oder zumindest eines oder zwei davon nehme, sozusagen als technische Übung, damit sich Dinge leichter anfühlen, oder Chord Changes, Arpeggios, was auch immer es ist, alles steht unter dem gleichen Überziel. Das heißt, alles, was ich übe, inhaltlich, zielt auf das gleiche Ziel ab. Und da geht es darum, erstens um Geduld. Ich weiß schon, ich könnte die Stelle schon spielen, wenn ich, wie gesagt, “normal” Trompete spiele. Wenn es aber nicht anstrengend sein darf, dann klingt es vielleicht noch total komisch oder das Phrasing funktioniert nicht so, wie ich möchte. Und das zuzulassen, hat für mich auch damit zu tun, dass ich eben irgendwo einen Chaos zulasse.
Ich übe eben nicht so, dass ich möglichst schnell von A nach B komme, sondern dass ich möglichst immer unter dem gleichen Stern stehe, der irgendwie hoffentlich mal dazu führt, dass Trompete spielen einfach total leicht ist. Und ich höre am liebsten den Leuten zu, bei denen ich das Gefühl habe, “Wow, ich glaube nicht, dass es anstrengend ist, dass Blockflöten spielen.” Mir gefällt das total. Das heißt, ich habe ein einziges Ziel, aber mega viele Übeinhalte. Da gehören aber Finger und Zunge und all das Zeug schon lange nicht mehr dazu. Und es gehört auch Einspielen nicht dazu. Das wirkt auf mich mittlerweile nicht mehr so stark, aber auf Leute in meiner Umgebung, die auch Trompete spielen, auf dich möglicherweise auch, die spielst nicht ein, das Ganze, all das Zeug. Aber für mich funktioniert es jetzt schon eine ganze Weile. Und ich habe den Eindruck, ich habe noch nie in drei, vier, fünf Jahren so viele Fortschritte gemacht, vielleicht abgesehen von der Studienzeit, wie jetzt gerade. Also es sind die besten fünf Jahre in 25 Jahren. Das finde ich sehr schön.
Zwei Übewege: mental „von oben nach unten“ vs. sicher „von unten nach oben“
Lassen wir uns da vielleicht ganz konkret mal reingehen, weil ich sehr neugierig bin, wie sich quasi dein “normales” Üben, du sagst, so das Jazz Orchester Programm könntest du auch normal üben, aber du hast eigentlich die Prämisse, es sollte sich möglichst leicht anfühlen. Wie wären so zwei beispielhafte Wege, wie du das eine oder das andere üben kannst und wie würden sich die unterscheiden ganz konkret dann?
Okay, eine Herangehensweise, die ich tatsächlich immer wieder brauche, und da brauche ich auch einen Counter oder ich mache eine Strichliste, weil es mir ansonsten schwerfällt, den Fokus hochzuhalten. Und der Akt vom Instrument runternehmen und mit einem Stift kurz einen Strich auf dem Blatt zu machen, hilft mir, wie, ah okay, ich habe ja das neue, jetzt mache ich noch eine zehnte Wiederholung von was auch immer. Und da geht es darum, dass ich mir häufig eine Stelle anschaue, eine Linie irgendwo und Einsätze, tutti, was auch immer, und mir vorstelle, wie möchte ich, dass es sich anfühlt, wenn ich vielleicht sogar eine Art Pantomime mache, mit meinem Instrument in der Hand, ohne zu spielen oder ohne Instrument sogar, und mir einfach nur vorstelle, wie wäre das, wenn das einfach total easy wäre. Und dann versuche ich, ohne was zu ändern, das so zu machen. Manchmal kommt keine Note raus, manchmal kommt ein paar Töne, manchmal klappt es tatsächlich, kommt natürlich auch auf den Schwierigkeitsgrad, auf den Range drauf an. Und das ist wie so eine Herangehensweise, das heißt, ich übe tatsächlich ganz bewusst das Gefühl und hoffe dann, dass sich dieses Gefühl auch mal an der Performance tatsächlich etabliert, was hier und da eben passiert. Und da ist viel mentales Üben dabei, was nebenbei übrigens meine Ohren, also gehörbildungsmäßig massiv besser gemacht hat in den letzten Jahren. Das ist wie so eine Herangehensweise.
Ich möchte vorausschauen können oder vorausfühlen können, wie das Spielgefühl idealerweise sein würde. Und das andere ist, ich versuche mich von einer spielbaren Version, die hat vielleicht jetzt mal was ins HF drauf, ins F3, und ich weiß schon, da drücke ich halt drauf und es ist am Ende der Seite und das wird vielleicht, ist es nicht ganz sicher oder ist es ein bisschen schmerzhaft oder mir gefällt der Sound nicht und so. Und dann versuche ich mich von dem, was ich bereits spielen kann, zu einer leichteren Version zu bewegen. Und das braucht Pausen. Und der Nachteil für mich dabei ist, dass ich Dinge auf bereits Erlernten basiere und weniger erkenntnisorientiert übe. Also es ist weniger experimentell. Aber es ist sicherer, es fühlt sich gewohnter an und es ist effizienter als Vorbereitung für eine Performance. Bringt es mich weiter? Die erste Methode bringt mich schneller weiter.
Das heißt, es ist eigentlich so eine Mischung aus, oder eigentlich ist es so ein Dreiklang fast ja schon. Also das eine ist wirklich so mental, Pantomime, das fand ich eigentlich ganz cool. Also sich vorstellen, wie es wäre, wenn es sich leicht anfühlen würde. Dabei hast du auch gesagt, dass es auf jeden Fall so eine Komponente hat von Gehörbildung. Wahrscheinlich singst du dann dabei an, oder?
Ja, am Anfang laut und nur im Kopf oder ich pfeife.
Und dann das Dritte, was du gesagt hast, also wie wäre es, wenn es noch leichter wäre? Und wie kann ich es mir leichter machen, damit ich es spielen kann? Das ist eigentlich so eine Reduktion. Also mal angenommen, das F3 zum Beispiel ist quasi die Gig-Variante und da muss es knallen und Ende der Seite und so. Dann wäre zum Beispiel eine Möglichkeit, das beim Üben sich leichter zu machen, es eine Oktave tiefer zu spielen. Also es ist dann quasi so eine Art von, ich nehme Parameter bewusst weg, damit ich es mir selber leichter machen kann, um quasi dieses Gefühl von Leichtigkeit mir eigentlich so anzutrainieren und zu etablieren auch auf Nadel. Kann man das so?
Absolut, das würde ich so unterschreiben. Das Einzige, was ich zu vermeiden versuche, ist tatsächlich die Dinge eine Oktave tiefer zu spielen, als Basis für mein Gefühl, als Gehörbildungsding, absolut zur Vorstellung, wie die Phrase eigentlich sein sollte, ist das absolut hilfreich. Ich weiß, dass ich in der Oktave darunter ja kein Problem habe mit Leichtigkeit. Und es ist wie, ich muss dieses Gefühl eben irgendwo direkt oben erwischen, weil dieser evolutionäre Ansatz, sich von unten nach oben zu arbeiten, hat bei mir über lange Jahre hinweg nicht mehr zu regelmäßigen Fortschritten geführt. Und das Instrument von oben nach unten zu verstehen, statt von unten nach oben zu verstehen, hat mir da mega geholfen. Und das nur nebenbei, technisch gesehen funktioniert die Trompete an sich von oben nach unten, weil die Ventile machen zum Beispiel alle Töne ja nur tiefer. Ich sehe Naturtöne und dann wie Trauben, die darunter hängen. Und ich will die Äste üben, also die Basis, die Zweige, an denen die Trauben hängen. Und dann von daher ist alles eigentlich nur noch Entspannung.
Das heißt, wenn ich es schaffe, in einer gewissen Höhe oder sogar ganz hoch, ganz leicht zu spielen, ist der Rest ja ohnehin easy. Das heißt nicht, dass ich dann überall gut klinge, aber dass es überall easy ist. Und dann Klang zu üben, ich weiß schon, wie Klang üben funktioniert. Das habe ich schon ein Leben lang gemacht. Das heißt, das ist das Einzige, was ich hier sagen würde, nee, eben gerade nicht, das wäre wie so der normale Ansatz, das habe ich ein Leben lang gemacht. Und jetzt, ich gehe gar nicht in den Umweg. Ich versuche die Vereinfachung oder das Runterbrechen auf einfache Levels eigentlich nicht mehr auf die übliche Weise zu machen, nämlich tiefer und langsamer, sondern meistens kürzer oder halt andere Parameter anzuwenden als diese üblichen Herangehensweisen, mit denen ich ja schon 30 Jahre gearbeitet habe. Mein Hirn braucht ein neues Gewicht, eine neue Übung, all diese Dinge, weil die anderen Pfade sind schon etwas ausgetreten. Und der Fortschritt fühlt sich langsamer an, wenn ich es so mache.
Messbar üben: Strichliste, 1.000 Gutzeichen & Gamification
Du hast vorhin etwas Spannendes gehört. Du machst dann so Strichlisten. Ist das dann quasi, um dir bewusst auch so Pausen zu gönnen, oder ist das wirklich eher so dieses Sportding, Trainingsplan mäßige, ich will kontrollieren, wie viele Wiederholungen ich da jetzt gemacht habe?
Also angefangen damit habe ich in New York, ich habe das Stipendium von der Stadt Bayern gekriegt und ich durfte knapp ein halbes Jahr in New York verbringen. Und ich habe da unendlich viele Optionen gehabt, was ich eigentlich machen könnte mit der Zeit da. Und ich habe eigentlich gedacht, ich fange einfach tatsächlich mal von ganz vorne an mit Trompeten zu spielen. Was passt mir nicht an mein Spiel? Und ich kann das zusammenfassen mit dem Gefühl, ich mag es eigentlich nicht, nach 32 Jahren Trompete zu spielen, zum Beispiel im ersten Set von einem Big Band Gig, zu denken, vielleicht sollte ich im Solo nicht aufs Ganze gehen, weil im zweiten Set kommt dann noch die Nummer mit der zweiten strengen Seite und all diese Dinge. Ich will einfach spielen können und habe das zu meinem Leitstern genommen.
Und ich habe dann, und das ist wieder eine absurde Übung, und die habe ich tatsächlich gemacht, ich dachte, was ich glaube würde einen großen Unterschied machen in meinem Spiel ist, wenn ich irgendeine Art und Weise herausfinde, wie ich ohne Kraftaufwand G3 spielen kann. Das klingt total utopisch. Und ich habe mich dann vor den Spiegel gesetzt und gesagt, ich mache erst wieder etwas anderes, wenn ich tausendmal diesen Pitch, diese Tonhöhe irgendwie erreicht habe und es nicht anstrengend ist. Ansonsten gibt es keinen Strich. Und das hatte ich dann so, ich hatte zweieinhalb Wochen für tausend Töne. Das heißt, ich bin stundenlang dran gesessen, habe gedacht, okay, das funktioniert nicht. Vielleicht brauche ich hier noch 20, 30 Versuche mehr und dann kann ich wirklich, das ist es nicht, wie kriege ich es hin? Und dann habe ich echt experimentiert. Ich habe mich nicht vom Klang leiten lassen. Ich habe mich nicht von Konventionen leiten lassen, die mich ein Leben lang schon begleitet haben, sondern nur von der Frequenz an sich und dem Gefühl. Und ich habe dann einen Kreis gemacht, wenn es nicht geklappt hat und ein Gutzeichen, wenn es geklappt hat. Und dann nach einer Session, wenn ich mich müde gefühlt habe oder gemerkt habe, das waren jetzt 20 Kreise nacheinander, ich brauche mal eine Pause, habe ich eine Pause gemacht und so, bis ich tausend Gutzeichen hatte.
Und das Krasse war, am ersten Tag waren es, wenn ich mich recht erinnere, waren es irgendwie so etwas wie 300 Versuche und vier Gutzeichen. Und am letzten Tag waren es vielleicht 800 Versuche und 250 Gutzeichen. Sprich, ich kann immer noch kein G3 spielen dann, aber der Fortschritt ist eigentlich gewaltig und messbar und visuell auf dem Blatt sichtbar und es hilft mir tatsächlich, bei meiner Aufgabe zu bleiben. Jedes Mal, ich kann nur einen Kreis oder ein Gutzeichen machen, wenn ich mich machen oder aufschreiben, wenn ich mich tatsächlich an die Vorgabe halte, die ich mir gegeben habe. Und ich habe für mich eine Art Trick herausgefunden, eine Art, das fühlt sich komplett anders an, fühlt sich an wie ein anderes Instrument.
Wird das meine neue Spielweise? Kann ich nicht zu 100% beantworten, aber möglicherweise schon. Und mittlerweile kann ich auch ein G4 spielen. Das klingt zwar nicht schön und niemand braucht das, aber es ist wie so ein Parameter, der mir was über die Physik des Instruments sagt und meinen täglichen Stand der Dinge. Und ja, nutze ich die Physik des Instruments und meine eigene Anatomie ideal, dann ist diese Frequenz eigentlich was Leichtes und wenn nicht, halt eben nicht. Und das ist relativ einfach und das ist Forschungsarbeit. Ich denke auch Empirik, nur auf mich bezogen, das bleibt natürlich in sich anekdotisch, aber für mich selber gibt es eine empirische Note in dem Ganzen drin. Und drittens auch ein Gamifying-Faktor. Wie viele kriege ich heute hin? Wie hoch ist die Ausbeutungsrate in dem Sinn? Komme ich auf 80%, komme ich auf 90% und all das Zeugs? Und Gamifying ist da für mich auch mega wichtig, genau.
Ich will gar nicht sagen, dass dein Üben auf eine Art unkonventionell ist, aber es ist ja schon auf eine Art. Es ist ja schon anders, als du selber gesagt hast, wie du früher geübt hast und vor allem, glaube ich, auch ganz anders, wie wahrscheinlich viele von uns üben. Und trotzdem finde ich es sehr spannend, weil es ja eigentlich zwei wichtige Parameter in den Vordergrund rückt, nämlich Leichtigkeit und dieser spielerische Ansatz, herauszufinden, wie es bei einem selbst funktioniert.
Was ich immer dann sehr interessant finde und das finde ich bei dir auch gerade super spannend, wenn du so erzählst, wie man daraus sich selber höhere Ziele ableitet. Weil eigentlich die Prämisse ist ja bei dir aktuell, wenn ich das richtig verstehe, Leichtigkeit im Spiel. Und da kannst du ja alles mitmachen. Du kannst ja auch statt G3s zu üben, stundenlang G-Dur üben zum Beispiel. Und den ganzen Tag überlegen, wie leicht kann ich eigentlich G-Dur spielen. Und das bringt dich ja weiter auf eine Art und Weise, aber sehr abstrakt. Und trotzdem bin ich mir ja sicher, dass du ja auch für dich als Musiker, als Künstler, die ja auch Ziele setzt, was du künstlerisch machen willst, wie du auch klingen möchtest, wahrscheinlich immer noch, und was du auch an musikalischen Sachen üben möchtest. Also wie schafft man es jetzt, wenn man da so, wir waren jetzt quasi sehr fokussiert auf den Übeinhalt und die Methodik, wie unser Üben vonstatten geht.
Wenn man da einmal rauszoomt, wie formulierst oder wie kreierst du dann für dich da einen Rahmen, um quasi so ein langfristiges Ziel da einfließen zu lassen?
Die beiden Bereiche sind tatsächlich ganz eng verwandt in meinem Kopf. Und das ist aber auch noch relativ neu in meiner eigenen Biografie, weil eben ich komme von Übeplänen her und mir fällt es eigentlich gar nicht mega leicht, mich über längere Zeit zu fokussieren. Und da haben diese ganzen Strukturen auch mega geholfen. Und die Zielsetzung war häufig in meinem Leben bis zu einem gewissen Grad tatsächlich oder vermeintlich von außen vorgegeben. Da gab es Lehrpersonen zuerst und dann während und nach dem Studium Konzerte und da gibt es eine gewisse Anforderung. Dann gibt es Vorbilder, wie würden die diese Musik spielen und wie nah komme ich an dieses Ideal heran? All diese Dinge und die haben als diffuse Masse so ein Gefühl ausgelöst von “Ich glaube, ich weiß, was ich möchte und ich glaube, da bin ich noch nicht.”
Und was ich jetzt mache mit diesem Gefühl üben ist, wenn ich… Vor kurzem hatte ich ein Konzert, das auch aufgenommen wurde und das Gefühl am Konzert war eigentlich mega geil. Ich hatte total Spaß beim Spielen. Es fühlte sich leicht an. Ich finde, ich habe kreativ gut improvisiert, nah an meinem Optimum und weil es so leicht ging, habe ich Dinge spielen wollen, die ich eigentlich noch gar nicht kann. Das heißt, ich habe zum Teil künstlerisch wahrscheinlich ein bisschen fragwürdige Entscheidungen getroffen. Wie bewerte ich jetzt das? Und ich komme gleich wieder zum Ziel. Ich wünschte mir, wenn das als Platte rauskommen würde, dass ich andere Entscheidungen getroffen hätte. Sprich, mein Üben, meine Ziele müssten sich auf einer Entscheidungsebene irgendwo befinden. Es geht nicht darum, ich wünschte mir nicht unbedingt, dass ich besser Trompete gespielt hätte oder dass ich sechs Stunden mehr über diese Changes in sieben irgendwelche Strukturen geübt hätte. Ich wünschte mir, ich hätte in dem Moment eine andere Entscheidung getroffen. Also muss ich das Entscheiden üben. Also diese direkte Linie zu “Was wünsche ich mir und was ist noch nicht der Fall?”
Das ist eine Komponente. Und das andere ist, der Gig war ein Beispiel dafür, dass ich viel näher an diesem übergeordneten Ziel dran bin. Nämlich von “Es fühlt sich leicht an, das macht mich mutig auf der Bühne.” Wie “Ah, geil, ich darf jetzt Trompete spielen mit Top-Leuten, die auch Freunde und Freundinnen von mir sind. Wir verbringen eine schöne Zeit zusammen. Ich bin nicht gestresst von meinem Instrument. Hier und da wollte ich halt im Solo ins G3 raufspielen. Das hat dann doch nicht geklappt. Aber ich weiß, das Gefühl, das mich dazu verleitet hat, ist Teil meines Pfads und Teil meines Erreichens des übergeordneten Ziels. Und von daher möchte ich tatsächlich, es mag sich diffus anfühlen, aber für mich fühlt es sich zum ersten Mal eigentlich nicht diffus an.
Ich kann mir so gut vorstellen, wie ich möchte, dass sich die Trompete anfühlt, weil ich das Erlebnis schon ein paar Mal hatte. Und jedes Mal, wenn das so ist, klinge ich fast schon so, wie ich eigentlich gerne klingen möchte. Das heißt, das Gefühl beim Spielen, das physische Gefühl, überträgt sich auch auf meinen künstlerischen Ausdruck, auf meine Selbstsicherheit, auf meine Lust zum Musikmachen und zum Trompete spielen. Und deshalb bleibe ich ganz explizit und auch gegen innere Widerstände bei diesem einen Ziel. Es muss einfach einfach sein. Es muss leicht sein. Wenn ich nach Karjakov zuhöre, bin ich zwar beeindruckt von der Doppelzunge und Trippelzunge und Kontrolle und Ausdauer und allem und Klang, aber am allermeisten ist, ich glaube nicht, dass es für ihn schwierig ist. Es ist einfach nicht schwierig. Und das ist mein Ziel. Und mehr braucht es, als nicht, glaube ich, für mich im Moment. Und das wird sich wieder ändern. Ich hoffe nicht nur, ich werde das ändern, aber jetzt einfach bei diesem einen Ziel zu bleiben, finde ich absolut magisch. Und das ist tatsächlich, das muss ja nicht Leichtigkeit sein, Leichtigkeit kann irgendwas sein. Leichtigkeit halte ich für ein vernünftiges Ziel, auf alle Bereiche des Lebens bezogen, abgesehen davon.
Aber sich tatsächlich mal für eine gewisse Zeit, und zwar eine längere Zeit, ein Jahr vielleicht, auf nur ein einziges Ziel zu berufen und nicht nach Vorsätzen zu arbeiten, sondern einfach, das ist das, was ich will. Und alles andere bewegt sich an der Peripherie daran vorbei oder zielt in die gleiche Richtung sogar. Und deshalb bleibe ich hier für einmal gegen meine Widerstände bei dem eigentlichen einzigen Punkt.
Also lässt quasi bewusst Chaos zu drumherum.
Ganz genau, ja. Das ist Teil davon.
Ich finde es ja ganz schön, dass du diesen Leitstern schon vorher ein paar Mal erwähnt hast. Das ist eigentlich ein sehr schönes Bild, so quasi, dein Leitstern beim Üben ist das, und das zieht so durch. Das finde ich voll cool. Und auch wenn man dir von außen so zuhört, als du das gerade erzählst mit diesem Gig und diesen künstlerischen Entscheidungen auf der Bühne, habe ich gedacht, das ist ja eigentlich voll cool. Klar, für die Aufnahme ist es jetzt, da hat man irgendwie nochmal höhere Ansprüche an sich selber. Aber was du so erzählt hast, denke ich mir eigentlich, naja, eigentlich ist es ja voll cool, weil du warst deinem Ziel auf der Bühne voll nahe.
Und dass es jetzt auf der Aufnahme nicht vielleicht so das Solo ist, was man vielleicht ansonsten gerne verkaufen würde, so what. Aber eigentlich für deinen Leitstern zu erfüllen, ist ja eigentlich voll schön, die Story.
Absolut, ja. Das war im Dezember und ich freue mich jetzt noch darüber. Das ist echt ein schönes Gefühl.
Ja, glaube ich. Ich finde, und das ist eigentlich ganz witzig, dass das so jetzt dein Leitstern ist, weil ich habe vor fünf Jahren hier in Bern studiert und seitdem verfolge ich so ein bisschen, was du spielerisch und trompeterisch machst. Mir kam das irgendwie immer schon leicht vor, vielleicht ist es auch irgendwie dieser Zeitraum einfach länger bei dir schon, als du es selber wahrnimmst. Und dass du vor allem so klangtechnisch auf der Trompete sehr wandelbar klingst. Also dieses typische Big Band, helle Strahlen kannst du.
Es gibt diese coole Aufnahme von dir mit Christoph Grab, dieses Reflections live at Haberhaus, wo du ein unglaublich cooles Solo spielst über Around Midnight. Also das kann man gerne mal an der Stelle hier, neben ganz anderen tollen Sachen kann man das hören. Also wirklich von so einem ultra warmen, weichen Sound, aber auch in die Höhe so. Und das klingt nach vollkommener Kontrolle und es klingt übrigens auch unglaublich leicht auf der Bühne. Würdest du sagen, es gab da irgendwie mal auch so ein Aha-Moment für dich, wo du gedacht hast, ah krass, okay, ich habe verstanden, du hast vorher gesagt, du hast früher auch ganz lange nach Strukturen geübt und du weißt, wie Soundproduktion funktioniert. Also gab es da mal so ein Aha-Moment für dich, wo du sagst, ah krass, okay, ich habe verstanden, wie Trompeterspielen für mich funktioniert. Und wenn ja, was ist dieser gewesen?
Verstanden würde ich, also die Aufnahme ist, wenn ich mich recht erinnere, wahrscheinlich so Größenordnung 2018. Und ich war dann auch auf einem anderen Pfad. Ich habe da spätestens da angefangen, Dinge zuzulassen. Das ist, glaube ich, nicht unbedingt das gleiche wie Verständnis, aber ich habe da zugelassen, dass ich klinge, wie ich klinge. Und dass ich nicht dann, weil ich plötzlich Monk-Musik spiele, halt irgendwie klingen muss wie jemand, der das damals schon gespielt hat und so eigentlich tatsächlich zugelassen. Am Anfang fühlt sich das, in aller Ehrlichkeit, fühlt sich das ein bisschen an wie, okay, ich kann halt nicht spielen wie Freddy Hubbard. Und es ist okay, ich beiße jetzt in den sauen Apfel und spiele halt, wie ich spiele. Und Freddy würde mir besser gefallen, aber es ist, was es ist.
Und dieses Zulassen, dieses Mikroaufgeben in dem Moment ist unfassbar befreiend. Und ich glaube, an dem Abend hat noch was reingespielt. Ich hatte 40 Grad Fieber. Ich kann mich mega gut an die Session erinnern, weil wir haben das ganze Programm, das ist eine Liveaufnahme, wir haben das ganze Programm am Nachmittag durchgespielt ohne Publikum und dann noch einmal mit Publikum. Und es ist fast alles vom Gig mit Publikum. Und zwei, drei, ich glaube drei Stücke sind von der Nachmittagsession.
Und ich habe während des Nachmittags gemerkt, es geht mir echt nicht gut. Und ich war erst mal total gestresst und dann war ich so auf der Schnauze. Der Bassist, Lukas Taxl, übrigens auch, der hat auch hohe Fieber und wir haben echt gelitten. Und ich habe genug gelitten, dass ich keine, ich hatte keine Kapazität für dieses Judgment mir selber. Ich war einfach, okay, ich spiele das jetzt einfach halt so gut, wie es geht und dann ab nach Hause ins Bett. Das war eigentlich mein Mindset. Und das höre ich tatsächlich immer noch, ich habe da so eine Entspanntheit. Das heißt, Erkenntnis, ich wünschte, ich könnte ja sagen. Ich glaube, die Erkenntnis ist jetzt da, darüber, was damals passiert ist. Aber im Moment war das noch nicht unbedingt der Fall oder nur zu Teilen der Fall. Aber zulassen ist ein wichtiger Begriff dafür.
Improvisation: Dreiklänge, Random Töne & Vorbilder
Das spielt ja auch ein bisschen rein, was du gerade vorher meintest. Das ist ganz interessant. Und auch jetzt da auf das Improvisatorische bezogen, finde ich, bei dir auch, hört man das, finde ich sehr, sehr schön, dass du so wie beides hast. Also zum einen diese Linien, also das Vertikale in deinem Spiel, das Gefühl, man ist so über den Changes und hat so eine Idee für das Stück und möchte darüber bestimmte Aussagen machen. Aber gleichzeitig hast du ja auch dieses fast schon gitarrenhafte, pianistische, super viele Dreiklänge, Arpeggien und sowas. Wie hast du es geschafft, dass das Teil von deinem Repertoire wird? Also wie hast du Zugriff auf diese ja doch sehr technischen Aspekte versus dieses linienhafte und den größeren Bögendenker? Das sind ja wie zwei verschiedene Paar Herangehensweisen eigentlich, oder?
Ja, einverstanden. Also das Erste ist tatsächlich die Art und Weise, wie ich improvisieren gelernt habe. Ich hatte lange Jahre klassische Lehrpersonen und wollte das auch machen. Und dann plötzlich interessiert hat mich ja eigentlich Jazzmusik immer mehr und Jazzverwandte Stile. Und ich habe dann angefangen, halt einfach ein bisschen was darauf los zu spielen, ohne irgendwas zu wissen. Und irgendwie halt random Zeugs nacheinander gespielt. Und ich glaube, das ist immer noch die Basis von dem Teil, was sich tatsächlich als Improvisieren anfühlt in meinem Spiel. Und das Andere lässt sich mit einem Namen zusammenfassen. Bert Joris ursprünglich. Und ich glaube, du hörst das wahrscheinlich auch raus. Du hast auch bei ihm studiert.
Und sein System basiert mega stark auf Dreiklängen und Leichtigkeit. Das sieht man bei ihm auch, ja. Und seine Leichtigkeit hat einen Weg eingeschlagen, oder er hat sich dafür entschieden, dass es eben nicht unbedingt in einem Big Band oder Section-Stil leicht ist, sondern in einem improvisatorischen Stil. Und das sind bei ihm verschiedene Dinge. Auf jeden Fall habe ich das tatsächlich seriös geübt während der Jazzschule und da ist einiges hängen geblieben. Und das war auch meine erste Erfahrung, was es eigentlich heißt, über mehrere Jahre hinweg beim gleichen Überinhalt zu bleiben. Diesen Mut habe ich eben davor eigentlich auch nie aufgebracht. Und ganz ehrlich, danach für die nächsten 15 Jahre auch nicht. Ich dachte immer, hier muss noch was besser gehen, da muss noch was besser gehen.
„Ich liebe es einfach, random Trompete zu spielen.“
Lukas Thoeni
Und ganz eine kurze Anekdote, ich hatte eine Lektion bei einem Saxophonisten, Ben Van Gelder, den ich mega finde. Und er hat mir auch Dreiklang-Konzepte gezeigt, darauf müssen wir nicht eingehen. Und ich habe ihn aber gefragt, hey, wow, das klingt mega krass, wie lange arbeitest du an dem schon? Und er hat gesagt, sieben Jahre. Und zwar nur das. Krass. Und das war auch so ein Eye-Opener, irgendwie die Geduld aufzubringen und das Vertrauen darauf, dass wenn man irgendwas richtig übt, dass alle anderen Sachen wahrscheinlich auch besser werden und wenn nicht, halt wahrscheinlich immerhin gleich gut bleiben. Und dass er im Erwachsenenalter und vielleicht auch ab einem bestimmten Level seriös üben, legitim ist. Im Sinne von, ich handle ein Thema ab. Und das, auch wenn es Jahre dauert, und dann mache ich das nächste Thema.
Und bei mir ist es mit den Dreiklängen so, und mit, in aller Offenheit auch hier, random Töne. Ich liebe es einfach, random Trompete zu spielen. Ohne Time, manchmal kommt dann Time rein, ohne Tonika, ohne tonalen Kontext, manchmal kommt da auch was rein, oder eben nicht, oder ich löse mich wieder davon. Und das ist, ich mache das gerne, ich kann mich darin verlieren, und ich glaube, dass es der improvisatorische Teil ist. Und du hast genau beschrieben, wie ich meine Spiele selber wahrnehme. Und ich, mittlerweile, ich habe genau diese beiden Punkte als Nachteile in meinem Spiel empfunden. Und mittlerweile ist es nicht mehr so. Dachte ich, ich spiele immer gleich, die Dreiklänge kommen raus, ich kann sie nicht kaschieren, Leute hören das. Und das andere ist halt so mit einem breiten Pinsel drüber, und Leute, die sich ausgehen, hören auch das. Und mittlerweile finde ich, ja, ich glaube, das ist, wie ich klinge. Und jetzt finde ich es auch was Positives.
Das heißt, das ist beides auch immer noch Teil von deiner täglichen Arbeit, auch wenn das quasi nicht mehr unter diesem Leitstern “Ich möchte Dreiklänge machen” sein.
Ne, ich habe eben tatsächlich das Gefühl, also das Improvisieren, ja, aber das bezeichne ich nicht als Übung. Manchmal spiele ich halt ein bisschen Trompete, weil es ist ja auch immer noch mein Hobby. Dreiklänge? Ne, mache ich nicht. Manchmal, wenn ich ein Stück, wenn ich Changes nicht begreife, ist es ein Tool. Aber eigentlich, ne. Da habe ich, ich habe echt den Eindruck, das habe ich als Thema für mich abgeschlossen. Ich weiß nicht, dass ich es nie mehr machen werde, aber das habe ich lange genug gemacht, um eben mal zu sagen, hey, das kann ich auch, ich kann es fünf Jahre nicht machen, und dann, ich kann es eigentlich immer noch, einigermaßen zumindest. Und von daher, ja und nein.
Ich muss mal ganz kurz erklären, also Bert Joris hat wirklich, ich glaube, also ich war nur ein Jahr bei ihm, aber wirklich, wir mussten drei und vier Klänge für alles machen, und eigentlich jedes Stück haben wir uns so erschlossen, im Prinzip. Also die ganze Arbeit improvisatorisch, der Grundstock eigentlich von Berts Methode basiert eigentlich auf drei und vier Klängen, dass man darüber lernt, melodisch zu improvisieren, vielleicht auch mal so als…
Genau, und er nennt sie, und das nur als kleiner Bezug zu Leichtigkeit, er nennt die Übung Perpetuum mobile. Das heißt, es muss so leicht sein, dass es sich selber antreibt, und es sind Staccato-Achteln und nicht geswingte Achteln, aber es sind immer Achteln, das klingt eigentlich ganz klassisch, und bei mir waren es auch immer nur drei Klänge, vier Klänge waren eigentlich verboten, es sei denn, man geht in die nächste, zum Beispiel bei C7 statt C, E, G, spielt man dann E vermindert, das wäre dann der nächste Dreiklang, dann hat man irgendwann auch alle vier Töne, und dann mit den Tönen frei improvisieren.
Das klingt ein bisschen barock, eigentlich.
Ja, und es ist auf jeden Fall anstrengend für den Kopf, den man spielt. Man braucht viele Pausen automatisch.
Ja, echt, ja. Aber es hat Spaß gemacht, auf jeden Fall. Also auch für mich, ich denke da super gerne dran zurück, weil ich sowieso beides erlebt habe in Bern, mit Mathieu und Bert, dass man quasi sowieso beide Welten einmal kennenlernt und wirklich alles so aufsaugen kann und da mega viel profitiert einfach.
Ja, geht mir genau so. Und auch die Struktur, ich habe auch bei beiden Unterricht gehabt, und die beiden funktionieren ja total unterschiedlich. Mathieu ist mega intuitiv und Bert mega strukturiert, und beides hat mir echt viel gebracht, bin aber auch froh, habe ich von Bert die Struktur bekommen, er war mein Hauptlehrer, und ich habe Struktur gebraucht in dem Alter zu der Zeit.
Ja, absolut. Also, unterschreibe ich zu 100 Prozent auf jeden Fall.
Gear: Wann Instrumente wirklich helfen
Man kann Trompeter eigentlich nicht interviewen, ohne dass man nicht irgendwann auf das Thema Gear kommt. Ich bin absolut kein Gear-Nerd, also ich habe keine Ahnung, ich spiele immer noch meine alten Bach-Trompeten von vor immer. Die sind toll, ja. Genau, deshalb, ohne hier Werbnummer zu machen. Aber trotzdem ist es bei uns Trompetern ja immer so ein Thema, was für ein Musikstück, was für ein Instrument spielst du.
Deshalb formuliere ich die Frage anders. Was, findest du, muss man auf der Trompete verstanden haben, ganz speziell, damit es überhaupt erstmal Sinn macht, darüber sich Gedanken zu machen?
Wow, das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, auch hier Verständnis als weitläufiger Begriff da reinbringen zu wollen, sind ein paar Grundstrukturen von Funktionen, die möglich sein müssen auf einem Instrument. Zum Beispiel, was bei allen Blechblasen-Instrumenten eine Herausforderung ist, sind Naturtöne schnell nacheinander kontrolliert spielen zu können. Das ist eine mega instrumentspezifische Schwierigkeit des Instruments. Und hier, glaube ich, mit so ganz kurzen Einheiten, also zum Beispiel auf der Trompete vom mittleren G zum mittleren C hochzubinden, so schnell wie du es kannst, nicht aushalten und dann kontrolliert hochbinden, sondern eigentlich wie direkt das C anspielen und davor das C eigentlich zu tief anspielen, sodass das G davor noch kurz anklingt und dann so, dass dieses Klickgefühl zwischen den zwei Noten irgendwie sich etabliert. Und ich glaube, das funktioniert auf der Menschseite, also nicht auf der Instrumentenseite, auf der anatomischen Seite, wenn man so will, nur auf eine ganz spezielle und entspannte Weise. Und sobald man das, das ist eigentlich nicht schwer, aber man kann das wie in kurzer Zeit mal kurz etablieren. Und das gibt einem ein Gefühl dafür, wie es auf dem eigenen Instrument ist und eine messbare Komponente, die sich auf andere Instrumente und/oder Mundstücke übertragen lassen.
Das heißt, kontrollierte Testbedingungen schaffen und da ist, ich glaube schon, dass Verständnis wichtig ist, aber ich glaube, es sind so zwei, drei Dinge, die irgendwie gut funktionieren müssen und die mit Ansprache zu tun haben und mit Schlussendlich, ich möchte nicht Leichtigkeit, sondern eine gewisse Entspanntheit hier ins Spiel bringen und das dann auf verschiedene Instrumente zu übertragen. Ich glaube, die allermeisten, auch die Profis und auch ich selber, machen den Fehler beim Auschecken von Instrumenten, zu schwierige und vor allem zu anstrengende Dinge zu üben. Kann ich hier hochspielen? Falls es tatsächlich besser geht auf deinem Instrument als auf einem neuen oder umgekehrt, muss das noch nicht unbedingt eine Aussage sein, weil die Frage müsste eigentlich sein, kannst du tatsächlich entspannt hochspielen und wenn ja, welches Instrument klingt besser da? Welches Instrument unterstützt dich da?
Und dieses Schnelltesten von Instrumenten ist manchmal ein Problem. Umgekehrt finde ich, ist es mega wichtig, eine Wahrnehmung dafür zu entwickeln, wie das Instrument sich anfühlt bei den instrumentenspezifischen Dingen, sprich eben beispielsweise Flexibility, das Einrasten von Tönen und wie ist da die Kombination zwischen Mundstück und Trompete und das hat bei mir persönlich dazu geführt, dass ich mir tatsächlich ein neues Instrument zugelegt habe und zwar nicht in erster Linie damals als Entscheidung, weil ich einen anderen Sound gesucht habe oder fand mein Instrument schlecht, sondern weil mir eingeleuchtet hat, dass in meinem Fall Lotus, dass die Instrumente bauen, die möglichst nah an der technischen Perfektion dran sind, damit ich Parameter ausschalten kann, auf meinem persönlichen Weg zur Leichtigkeit. Und dann habe ich unterwegs gemerkt, dass ich das Instrument tatsächlich mega mag, aber ich wusste halt, weil Adam Rapa hat mir sein Instrument mitgegeben und dann haben wir ein bisschen zusammen geübt und ich habe ihn halt auf meinem Instrument und auf dieser Lotus gehört und dachte, okay, die Lotus macht ganz viele Dinge von sich aus potenziell richtig, wenn man so spielen kann wie Adam Rapa und mein Instrument ein bisschen weniger. Also kann ich hier potenziell Schwierigkeiten aus meinem Spiel rausnehmen, wie bei der Kaffeemaschine, da bin ich jetzt. Wenn man zum Beispiel immer die gleiche Wassertemperatur, immer den gleichen Anpressdruck für den Kaffeepack hat, immer die gleiche Mahlmenge und nur zum Beispiel an der Durchlaufzeit arbeitet, kann man viel besser eruieren, wo ein Problem liegen kann oder wo was gut ist. Und wenn man an allen Parametern gleichzeitig schraubt, ist es mega schwierig herauszufinden.
Lukas Thoeni
„Wenn man an allen Parametern gleichzeitig schraubt, ist es mega schwierig herauszufinden.“
Sprich hier Reduktion, was muss ich können, kann ich das auf meinem Instrument und wie lässt sich das übertragen auf andere Instrumente? Und wenn man eines findet, von dem man überzeugt ist, es unterstützt entweder in der Klangvorstellung und/oder auf seinem eigenen Weg, was die eigenen Überziele anbelangt, dann finde ich es legitim, was zu ändern. Und solange man aber das Gefühl hat, ich kann was nicht, also brauche ich neues Equipment, glaube ich, ist man auf dem Holzwerk. Das wird teuer.
Host: Das stimmt, absolut. Hättest du dir vielleicht abschließend zu dem Thema nochmal gefragt, ob du dir dann so eine Abkürzung zu dieser Erkenntnis mal gewünscht, dass das Instrument nicht viel mehr ist als ein Verstärker im Grunde?
Ja und nein. Eigentlich mehr ja als nein. Ich bin nicht mega geduldig, aber ich habe eigentlich auch total Spaß an diesem erkenntnisorientierten Üben. Also nicht am evolutionellen Ansatz von morgen ein kleines bisschen besser als heute, sondern finde ich raus, wie es funktioniert und dann kann ich es hoffentlich morgen noch oder dann kann ich erst anfangen, die neue Erkenntnis überhaupt ins Üben zu integrieren. Und ich habe eigentlich Lust auf den Prozess.
Die Übung: Dart-Methode, Naturton-Sprünge & Momentum
Jetzt haben wir schon die Trompete ganz konkret angesprochen. Lass uns zu unserer Übung kommen. Ja bitte. Was dürfen wir hören von dir?
Etwas, was ich sowohl beim Unterrichten als auch in meinem eigenen Üben oder einige Dinge sogar, was ich integriert habe, ist mein Gefühl, von dem ich eigentlich, wenn ich was Technisches übe, ganz ähnlich vom Mindset her mich aufstellen möchte, wie wenn ich Match-Dart spiele, jetzt gegen dich. Das heißt, ich habe pro Spielzug drei Würfe, drei Pfeile. Ich habe ein bestimmtes Ziel vor Augen. Ich konzentriere mich, ich atme und dann kommt ein Release. Es ist eigentlich eine Entspannung, also Körperspannung findet wahrscheinlich möglicherweise davor statt. Also der ganze bewusste Prozess findet eigentlich vor dem eigentlichen Wurf statt. Und dann habe ich unmittelbar ein Resultat, was ich visuell auf der Dartscheibe, hoffentlich auf der Dartscheibe, erkennen kann. Und entsprechend den nächsten Wurf, wenn es gut ist, versuche ich es nochmal gleich zu machen. Aber das ist bei Dart ja fast nie der Fall. Ich versuche mich so immer weiter anzunähern. Nach drei Pfeilen muss ich halt nach vorne laufen, meine Pfeile einsammeln und wieder zurück. Da gibt es eine kleine Pause. Und dieses Dart-Äquivalent lässt sich eigentlich auf alles anwenden. Tendenziell kurze Einheiten. Und ich weiß, sowohl mit meiner neuen Spieltechnik, bei der ich noch ein bisschen gehemmt bin, die in der größeren Allgemeinheit zu zeigen, als auch in meinem sozusagen normalen Spiel, dass es mega effizient ist. Und dass mein Fokus sich auf, sagen wir, geschätzt dreimal eine Sekunde und dann ein paar Sekunden Pause eigentlich bezieht. Also dass es nicht nur hoher Fokus ist, sondern ich glaube die höchste Form von Fokus, die mein Hirn irgendwie generieren kann. Und ich würde, glaube ich, gerne so etwas zeigen. Und da kommen dann noch zwei, drei Begriffe mit dazu. Ich finde, das ist einer meiner Lieblingsbegriffe und das wird halt schwer zu erkennen sein, weil es ja ein akustischer Inhalt ist und wir kein Video dazu drehen. Aber ich liebe den Begriff Parodie statt Imitieren. Also ich hoffe, das ist absolut als Kompliment gemeint, falls Simon Höfele hier mal reinhört. Ich habe so viele Trompeter und Trompeterinnen eigentlich parodiert, weil ich weiß, ich kann sie gar nicht imitieren. Ich meine damit nicht, dass ich mich lustig über die Leute mache, im Gegenteil. Ich versuche visuell möglichst nah an die Leute heranzukommen. Und Simon Höfele, wir haben uns nie getroffen, das nur als Disclaimer, hat einen mega geraden Ansatz, rechtwinklig vom Gesicht, weil seine Ellbogen sind für mich auffallend weit außen. Er hat die Augenbrauen, ein mega offenes Gesicht. Also ich würde nicht sagen, dass er die Augenbrauen hochzieht, aber er wirkt konzentriert, die Augen sind weit geöffnet. Und von daher habe ich gedacht, und er klingt unfassbar gut, ich versuche mal vor dem Spiegel so auszuschauen wie er. Als erstes mal umzuspielen, dann habe ich es ein bisschen probiert, konnte zuerst mal gar nichts, weil mein Ansatz schaut halt nicht so aus wie seiner. Und dann plötzlich kamen Erkenntnisse. Das heißt, ich versuche ganz häufig, wenn ich diese drei Überdartpfeile abwerfe, auch visuell oder körperlich oder sozusagen als Schauspieler ohne Publikum zu sein wie jemand und mir auch vorzustellen, wie fühlt sich das an. Simon Höfler finde ich ein tolles Beispiel. Ich glaube nicht, dass sich das anfühlt wie Gewichte heben, wenn er Trompete spielt. Und das kann ich ja implementieren als Gefühl. Das kommt da dazu und vielleicht reicht das mal als erstes. Und was ich zeigen möchte, ich habe es vorhin schon kurz beschrieben, da kann ich auch ein bisschen Bezug nehmen, die ganz kurzen Einheiten, nämlich ein Tonsprung von Naturton zu Naturton, entweder hoch oder runter, weil ich weiß, das ist eine der relevanten Übungen, um von meiner neuen Spielweise, die sich mega anders anfühlt, schnell zurückzufinden zu meinem normalen Spiel und einem Performance-Ansatz. Weil wenn ich es so schnell mache, ich habe keine Zeit darüber nachzudenken und es funktioniert eigentlich nur, wenn ich locker bin. Ich zwinge mich zu Lockerheit über etwas, was musikalisch total fragwürdig ist. Und das kann ich gerne mal zeigen. Was ich eigentlich mache, ich spiele nur das mittlere C, also diesen Ton hier. Das ist eigentlich alles, auch nicht länger als das. Da versuche ich manchmal schon ein bisschen das Instrument am Gesicht zu haben, mir vorzustellen, wie fühlt sich der Luftdruck an, wie fühlt sich die Zunge an, bevor ich überhaupt spiele. Das ist so die Gefühlsebene davon. Und dann ist es eigentlich nur ein Release. Alles, was mit Körperaufwand zu tun hat, findet vor der Note statt. Es ist wieder angesetzt und dann nur das. Das ist ein kurzer Release. Es hat nicht mal mit Atemluft zu tun. Ich spuck eigentlich nur. Was ich jetzt mache, ist, ich spiele die Note an sich ein bisschen zu tief, so dass, wie ein Fehler, wie ein kleiner Praller, wie etwas Unabsichtliches, die Note darunter, sprich das G, anspricht. Das klingt jetzt erstmal nicht so wünschenswert. Es könnte so etwas sein. Zu tief. Eigentlich will ich das C spielen. Mein ganzes Setting soll aber das C bleiben. Ich muss ein bisschen tiefer denken, aber ich denke so bewusst wie möglich nicht G. Ich denke C, C. Okay. Und das, was ich jetzt gerade gespielt habe, ist ein Dart-Pfeil. Drei Dart-Pfeile wären … Okay. Der letzte war zu weit unten. Der erste habe ich am Brett vorbeigeworfen. Und der mittlere war, glaube ich, okay. Nächste Runde. Der mittlere hat sich gefühlsmäßig am besten angefühlt. Nicht unbedingt am besten geklungen, aber da hat es sich echt nur als C angefühlt. Ich habe keinen Sprung empfunden, keinen Aufwand. Das, vielleicht mache ich mal zehn Runden von dem. Und das Spannende ist, wenn ich das mache und dann eine Fortsetzung könnte sein, da mache ich ein bisschen mehr im Schnelldurchlauf, in der nächsten Runde, wenn ich gegen dich spiele, ich mache das tatsächlich auch mit trompetenspielenden Freunden von mir, okay, nächste Runde, das nächste Ziel ist nicht mehr das Bullseye, sondern die Triple 19. Und die Triple 19 klingt da vielleicht … Zielton G. Okay, nicht schön, das war zu viel C und zu wenig G. Okay, die drei Pfeile habe ich jetzt geworfen. Das war zu tief und alles, aber das Gefühl war gar nicht schlecht. Dann könnte das nächste Spiel nach weiteren 15 Runden zum Beispiel sein … Das war jetzt schon recht schnell, das hat eigentlich ganz gut funktioniert. Der Ja-Bi-Ai ist mein nächster Pfeil. Pfeil Nummer zwei. Pfeil Nummer drei. Dann mache ich das 15 Runden und irgendwann bin ich vielleicht, wenn ich den ganzen Weg gehe … Bei sowas … und so weiter. Das heißt, ich gehe hier ganz bewusst nicht über Temporeduktion, weil ich nämlich glaube, dass bei Temporeduktion man in vielen Fällen eine langsame Variante von etwas übt und dass die langsame Variante in vielen Fällen den Faktor Momentum … Und dann habe ich in meinen Notizen sogar unterstrichen, das Wort Momentum. Ich glaube, das ist mega wichtig. Manchmal, manche Dinge auf dem Instrument sind wie olympisches Hammerwerfen. Versucht es mal langsam. Versucht mal langsam einen Dartpfeil an die Wand zu werfen. Es braucht bei vielen Dingen Momentum. Und Momentum kommt meines Erachtens fast nie von langsamem Üben, sondern von einem Bewegungsablauf. Was ist eigentlich der Bewegungsablauf, wenn es schnell ist? Und das ist manchmal oder auch hier in vielen Fällen nicht der gleiche wie beim langsamen Üben. Das heißt, viele Dinge übe ich schnell und dann werde ich sukzessive langsamer. Und das bringt mich mega viel schneller vorwärts. Das geht übrigens auch für Finger. Und wenn ich das mache, was ich jetzt gerade gemacht habe, wenn ich meine Lippen anspanne aktiv, dann klingt es nicht so, ich bin weniger schnell, es ist weniger offen. Und das ist, ich glaube, ein Tipp, den ich gerne weitergebe und den ich über eigentlich sozusagen alles anwenden kann. Ich kann den überall implementieren. Ich kann, sagen wir, C-Dur-Dreiklang ist der Zielton. Was ist die schnellste denkbare Variante zwischen E und G? Eigentlich ist es auch nur, das E ist eigentlich wie ein Fehler davor. Und dann von C zu E, Zielton E. Und dann das könnte ein Darbfeil sein und der letzte Darbfeil wäre vielleicht. Und das kann auch winden nicht schneller. Das muss auch nicht schneller sein. Das Ding ist, damit es so schnell ist, ist ja total einfach. Es ist nur ein Griff. Dass es so schnell funktioniert, sagt einem etwas über die eigene Atmung, die Luft und die Technik, die man dabei anwendet, ohne dass man das kontrollieren kann. Es ist zu schnell. Nichts davon kann man kontrollieren. Wenn das funktioniert, bin ich eigentlich meistens ready. Dann fühlt sich das Instrument wie zu Hause an. Und häufig brauche ich ja genau dieses Momentum beim Einspielen von Gigs. Und ich sitze dann nicht auf der Bühne oder Backstage und mache… Ich habe auf Menschen, die mich hoffentlich mögen, und das will ich ja nicht unbedingt aufs Spiel setzen. Aber was ich mache, ist, ich habe diesen Prozess verstanden. Ich habe andere Prozesse auch verstanden. Ein bisschen schnell Zunge gebrauchen. Ich habe verstanden, dass Flexibilität generell wichtig ist. Leise, laut. Was auch immer die ganzen technischen und einspielmäßigen Übungen normalerweise befördern sollen, habe ich prinzipiell verstanden. Das heisst, was ich dann tatsächlich Backstage möglicherweise machen würde, könnte sich folgendermassen anhören. Ich packe da solche Elemente rein, was ich jetzt gerade gemacht habe. Und es ist eine Mischform zwischen Verständnis, was ich brauche, was das Instrument von mir erfordert, und die Musik möglicherweise, und Improvisation und sich näher zur Musik herantasten. Das könnte zum Beispiel sein, Bar Bands. Okay, jetzt bei den Dreiklängen am Schluss habe ich gemerkt, da ist was noch nicht entspannt genug. Jetzt habe ich mich entspannt und dann sind die da. Das heisst, wenn ich vorhin gesagt habe, ich spiele nicht ein, ich spiele einfach wahrscheinlich nicht so ein, wie du einspielst. Aber wir spielen ja alle bis zu einem gewissen Grad ein, und wenn die ersten paar Töne am Gig oder an der Probe noch ein bisschen weniger gut klingen, dann ist das dein Einspielen. Und ich glaube daran, wenn ich meine persönlichen technischen Schwierigkeiten verstanden habe und die ganz kurz adressiere, ohne dass alle denken, ich hätte eine Psychose, dann kann das so klingen, wie es gerade eben geklungen hat. Und das gibt mir auch so ein bisschen musikalischen Kontext und ein bisschen Selbstvertrauen, auch wenn ich, keine Ahnung, vom C3 halb chromatisch runterspielen kann und eigentlich alle Töne anspreche, dann weiss ich, das wird jetzt wahrscheinlich ganz okay gehen. Ich hoffe, dass es hängen bleibt. Parodiert Leute, dann scheitert ihr auch nicht. Eine Parodie kann nicht scheitern. Zweitens, denkt wie Dartspieler. Dreimal konzentrieren, kurze Pause, dreimal konzentrieren, kurze Pause. Und drittens, um was gehen die Einspielübungen, die euch was bringen? Und wie können die in einer minimalen und möglicherweise musikalischen Form kondensiert werden, sodass sie eigentlich wie Lachmus-Tests sind? Okay, ich glaube, ich bin einigermaßen ready. Das sind die Dinge, die ich brauche. Zunge brauche ich für Jazz ein bisschen weniger. Doppelzunge kommt fast nie vor, sonst wäre das auch Teil davon. Ich glaube, das ist meine hoffentlich im Allgemeinen anwendbare Idee. Dart, seid Dartspieler*innen.
Host: Das finde ich mega, vielen Dank. Zusammengefasst, ich finde es ultracool, also ultraspannend, ich werde es gleich mal auschecken. Es hat ja so ein paar Komponenten. Ich finde diesen Hyperfokus vom Dart ultracool als Bild, dass man wirklich sich ein konkretes Ziel nimmt, das macht und auch nur das, dreimal Pause. Und es hat ja auch diese ballistische Komponente von diesem Werfen aufs Instrument übertragen, was ich ja ultracool finde. Und dann diese Mischung aus diesem Realitätscheck, den ganz viele hier im Podcast schon so genannt haben, dass sie einmal so checken, wie ist die Ansprache, die Resonanz vom Instrument, wie gehe ich quasi darauf ein. Aber bei dir finde ich das voll cool, dass du nochmal so diesen Leitstern reinbringst. Wie leicht muss ich es eigentlich machen? Ich finde dieses Bild von das C zu tief anspielen ganz cool. Du lässt es eigentlich machen mit dir. Also das Instrument reagiert quasi. Es ist ja nicht so, dass du bewusst so dahin machst, dass du es eigentlich eintun. Und das Instrument reagiert auf diese Art. Und du willst quasi diesen Impuls, diesen ballistischen Impuls eigentlich machen, ohne ihn zu kontrollieren oder, wenn man es anders formuliert, im Vertrauen darauf, dass es ja eigentlich klappt und dass du die Fähigkeit auf dem Instrument so kultivieren kannst.
Ganz genau. Ich sage noch mal, ich sage, was ein bisschen provokativ ist in der Trompetenwelt. Ich glaube mittlerweile, für mich zumindest, das kann wie alle Dinge auf der Trompete, es gibt, glaube ich, gewisse physikalische Grundsätze, aber generell gibt es eigentlich nicht allgemein gültige Wahrheiten, wie das Ding funktioniert, weil zu viel Anatomie mit im Spiel ist. Aber es gibt gewisse Dinge, die nur funktionieren können, wenn man die Physik des Instruments möglichst ideal bedient. Und da kann man sich herantasten oder man kann das Ziel am Anfang stellen, sprich, eine schnelle Bindung, und die geht dann nur unter bestimmten Voraussetzungen. Und diese Voraussetzungen müssen nicht bewusst stattfinden. Vielleicht noch ganz kurz, ich kann leider den Namen der Studie nicht aus dem Kopf, ich schicke dir das gerne auch noch. Es gibt eine Studie, die besagt, dass die effizienteste Methode für motorisches Lernen, also wir reden nicht davon, ein neues Stück zu lernen, sondern tatsächlich eine komplexe Abfolge von Bewegungen, dass die effizienteste Lernmethode eigentlich ist, das immer genau gleiche, wenn 10 Sekunden zu üben, dann 10 Sekunden Pause, 10 Sekunden üben, das alternierende Üben. Mit drei Darfhäuten bin ich ungefähr auf der Länge und ich muss nicht auf eine Uhr schauen. Ich habe keinen Bock, in 10 Sekunden Blocks zu üben. Aber ich habe eigentlich ziemlich häufig Bock auf Darts spielen. Das fällt mir leichter, das ist die eine Komponente. Das Spannende dabei ist, dass der Körper, offensichtlich kann man mit bildgebenden Maßnahmen im Hirn sichtbar machen und mit Hirnströmen nachweisen, dass während der 10 Sekunden Pausen, das kann auch ein Teil von einer Scale sein, Arpeggio, etwas Musikalischeres, als ich jetzt gemacht habe, mit der Zeit nach ungefähr 10, 20 Minuten das Hirn beginnt in der Pause die gleiche Repetition auszuführen. Das war mit einer x-fachen Geschwindigkeit, wenn ich die Zahl richtig erinnere. Das waren 20, oder? Ich glaube, 20-fach. Ich habe das auch so im Kopf, dass diese Wiederholungen nahezu oder ganz genau so relevant sind wie die Wiederholungen, die tatsächlich auf dem Instrument aufgeführt werden. Und dass die Anzahl der Wiederholungen ein relevanter Faktor ist, ist zwar unromantisch, aber auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive wahr. Das hat mich ursprünglich zu dieser Dart-Methode gebracht. Ich hatte die Idee dafür, als ich von der Studie hörte und ein bisschen reingelesen habe. Das Zweite ist dann, ich finde es mega spannend, das ist auch ein bisschen eine Anekdote, die mich fasziniert. Und zwar, man sollte so etwas nicht länger als eine halbe Stunde machen, weil das Hirn hat einen Anreiz dazu, Dinge tatsächlich auf einer Zellebene umzubauen. Das heisst, bildgebend kann man das mit der Zeit auch sichtbar machen. Und dieser Prozess findet schneller statt, wenn man immer wieder zehn Sekunden Pause macht. Findet aber praktisch nicht statt, wenn man es länger als eine halbe Stunde macht. Weil eigentlich zu viele, wieder die Kaffeemaschine als Beispiel, zu viele verschiedene Parameter im Spiel sind, je länger man es macht. Manchmal ist es gut, weil man tiefer eingeatmet hat, manchmal ist es gut, weil man etwas im Winkel vom Instrument geändert hat. Und je mehr Parameter da reinspielen, desto unwahrscheinlicher wird eine positive Plastizität im Hirn. Und deshalb, wenn es etwas Neues ist, eine halbe Stunde und nicht mehr, ich finde das mega entspannt. Und dann noch als allerletztes, nach dieser halben Stunde fünf bis zehn Minuten nichts machen. Man weiß nicht wieso, aber man weiß, dass es passiert, dass das Hirn weiter mit den Wiederholungen macht und beginnt, sie umzukehren und rückwärts zu spielen. Man weiß, dass auch hier, ich glaube, 30 Prozent mehr Hirnplastizität passiert, wenn man diese zehn Minuten Pause einhält. Und mit Pause meine ich nicht Instagram, sondern ins Leere schauen oder Augen schließen und einfach das Ding im Kopf laufen lassen. Ich finde, ich sage nicht, dass ich das mache. Ich habe auch Selbstdisziplin, aber ich finde es unfassbar spannend. Und da spielend auf dem Instrument erhöht die Wahrscheinlichkeit, glaube ich, für ein solches Setting.
Motorisches Lernen: 10 Sekunden üben, 10 Sekunden Pause
Ja, voll. Ich war letztes Jahr auf einem Vortrag von Eckart Altenmüller, den kennst du ja bestimmt auch dann. Und der hat etwas Schönes gesagt, dass der Mittagsschlaf sehr gut konsolidierend ist, wenn man motorisch geübt hat. Also quasi einen Appell zum Mittagsschlaf hat er uns gegeben damals. Wenn man vorher viel motorischen Kram übt, das finde ich sehr schön.
Das finde ich mega spannend. Wenn Schlafen Teil deiner Arbeit ist, deshalb bleibe ich auch dabei. Üben ist eben Arbeiten. Und wenn mein Üben besser wird, wenn ich mich nach dem Mittag kurz hinlege, was ich auch fast nie mache, aber manchmal, dann such dir mal eine bessere Arbeit.
Host: Absolut, ja. Ich habe noch hunderte Fragen auf meinem Zettel. Wir haben noch gar nicht über die USA gesprochen und noch ein paar andere Sachen noch nicht. Aber mit Blick auf die Uhr würde ich trotzdem gerne auf die Sachen des Endes hier einen erklären. Vielleicht, du hast es eigentlich schon so ein bisschen genannt, aber wenn du auf das Trompetenspiel so zurückdenkst jetzt mit dem heutigen Wissen, was würdest du anders üben und was würdest du genauso lassen?
Ich habe heute viel mehr Mut zur Einfachheit und auch besser begriffen, dass Prozesse länger dauern, als ich dachte. Dinge müssten schneller gehen. Das heißt, ich würde nicht weniger Zeit mit dem Instrument bringen wollen, glaube ich, aber ich würde weniger verschiedene Dinge üben. Ich würde mal was üben, bis ich es kann. Und das ist zum Teil auch problematisch in Musikstudiengängen, dass einfach mega viel von einem gefordert wird. Also sprich, hier ist die einfache Antwort. Ich würde weniger üben und versuchen geduldiger mit mir selber zu sein und nicht explizit versuchen Dinge zu überspringen.
Also im Sinn von, ich will Jazzmusiker werden, aber ich will so hip klingen wie die Leute von heute und nicht einsehen, wie viel Arbeit da in traditionelle Teile reingeflossen ist. Das heißt nicht, dass ich mich Jahre mit traditionellen Jazzspielen beschäftigen wollen würde, aber ich dachte, ich könnte es überspringen und jetzt muss ich es halt nachholen mit der 40, was auch okay ist, aber das hätte ich geändert und ein bisschen mehr auf meine Intuition und meinen autodidaktischen Teilhören und ein bisschen weniger auf Dogmen von Lehrpersonen, insbesondere was Trompetentechnik anbelangt. Ich konnte nach der Jazzschule weniger aussahen und weniger hochspielen als davor, weil ich mich an Vorgaben gehalten habe, von denen ich nicht glaube, dass sie für mich sinnvoll sind.
Abschlussfragen
Zum Abschluss habe ich noch zwei Fragen für dich, die ich all meinen Gästen mal gerne stelle. Was lernst du oder übst du gerade, was du noch nicht so gut kannst, darf in dem Fall auch gerne nicht musikalisch sein?
Weil es langweilig wäre, wenn ich schon wieder das Chaos ins Spiel bringen würde oder meinen Leid stellen von Leichtigkeit, würde ich da gerne was anderes sagen. Ich lerne, mich und mein Energiepotenzial pro Moment besser zu verstehen. Und das ist tatsächlich ein aktiver Lernprozess. Ich setze mich manchmal alle paar Minuten, manchmal nur alle eineinhalb Stunden kurz hin oder bleibe auch stehen, abgesehen davon, und nehme mir, manchmal sind es 30 Sekunden, manchmal sind es 5 Minuten und versuche herauszuspielen, wofür kriege ich jetzt die Energie hin. Und wenn ich das regel, ich habe eigentlich für alles in meinem Leben Energie. Und ich kann das aber am Vorabend oder am Sonntagabend, wenn ich meine Woche plane, ich bin nicht so gut, um das einzuschätzen. Oder es raubt mir meine Spontanität, was ich glaube, könnte ein Vorteil vom Musiker-Dasein sein.
Und da ich möchte das besser rausspüren. Und letzten Sommer hat es sich so gut angefühlt wie noch nie. Da hatte ich wieder mehr zu tun. Ich habe es ein bisschen verloren und jetzt langsam wird es besser. Aber daran arbeite ich eigentlich. Also wenn wir danach noch einen Kaffee getrunken haben und du dann weggehst, ich weiß noch nicht, was ich mache, aber ich weiß, ich werde produktiv sein oder ins Training gehen. Ich glaube nicht, dass es Buchhaltung sein wird. Aber ich werde ein Gefühl dafür haben, was ich dann mache und wofür ich Energie habe. Und dann werde ich es eben auch gut machen. Und nicht, weil ich Selbstdisziplin habe, sondern weil ich mich verstehe. Daran arbeite ich.
Das finde ich mega. Und eigentlich hast du die letzte Frage schon beantwortet, aber ich will sie dir trotzdem stellen. Vielleicht hast du noch einen Keckensatz, den du den Leuten mit nach Hause als Message mitgeben kannst. Wenn du auf dein Erstsemester Jazz-Schulen-Ich von heute zurückblickst, welchen Tipp würdest du ihm mitgeben wollen aus heutiger Perspektive? Wäre ein Ratschlag für dich das Gleiche?
Wenn es ein Tipp wäre, wäre es wohl etwas Instrumentales. Wenn es ein Ratschlag wäre, wäre es etwas anderes. Ich empfinde die Begriffe… Ich sage mal einen Tipp. Wenn es anstrengend ist und sich nach Training anfühlt und gleichzeitig der Eindruck da ist, du musst es jeden Tag machen, kann es nicht sein. Die Sportwissenschaft spricht dagegen. Wenn es anstrengend ist und du stärker werden willst, musst du pausen und brauchst kontrollierte Trainingseinheiten. Wenn es besser gehen sollte und nicht anstrengend ist, gehe nicht in die Anstrengungen rein. Es gibt beide Komponenten auf der Trompete. Wenn es aber eine Trainingskomponente ist, orientiere dich an Menschen, die Sport treiben und was von Training verstehen oder an Sportwissenschaft. Da ist die Forschungslage tausendmal besser, als wenn es um Musik üben oder um Trompete üben konkret geht. Also wenn du schwere Gewichte hebst, mach es nicht jeden Tag oder zumindest nicht die gleiche Muskelgruppe. Glaube an den Punkt der Wissenschaft und nicht an Lehrpersonen, die dich nötigen, zu einem mönchischen, selbstdisziplinierten, selbstkasteiungsbezogenen Trompete zu spielen. Wenn es gut ist, ist es gut. Auch wenn dir jemand sagt, du setzt ein bisschen weit oben, links, weit rechts. Wenn es gut ist, ist es gut. Wenn es nicht gut ist, weißt du es selber und du wirst es herausfinden. Das sage ich tatsächlich meinem Jüngeren. Ich mache damit, was ihr wollt. Ich glaube daran.
Das lassen wir genauso stehen. Lukas, ganz herzlichen lieben Dank, dass du das gemacht hast. Vielen, vielen Dank.
Lukas Thoeni: Es war mir eine große Ehre und es hat echt mega Spaß gemacht.
Wer schreibt hier eigentlich..?
Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"
