Wie übt man agil, Regina Brandhuber? | what is practice
Zum Inhalt springen

Wie übt man agil, Regina Brandhuber?

Regina Brandhuber ist klassische Sängerin, Musikpädagogin und promoviert gerade zu agilen Übe-Methoden. Also der Verbindung zwischen agilen Methoden aus der Arbeitswelt hinein in unser musikalisches Üben. Dass es dort viele Gemeinsamkeiten gibt, davon durfte ich mich nicht nur in unserem Gespräch überzeugen. Sondern auch im Seminar, das Regina an der Musikhoschule in Nürnberg anbietet. Dort durfte ich vor unserer Aufzeichnung zu Gast sein und die agilen Methoden selbst ausprobieren.

Regina Brandhuber bei unserem Gespräch an der HfM Nürnberg

Mehr über Regina erfahren

Was ist Agiles Üben eigentlich?

Agiles Üben lässt sich im Kern als eine Form von Flexibilität beschreiben – sowohl in der Wahrnehmung der eigenen Person gegenüber als auch in den täglichen Überoutinen. Es bedeutet, dass keine starre Routine über dem Musiker steht, sondern die zentrale Frage lautet: „Wer bin ich heute? Was brauche ich heute? Was finde ich heute inspirierend?“.

Der Transfer aus der Arbeitswelt bezieht sich auf den Paradigmenwechsel in der Softwareentwicklung, der um das Jahr 2001 mit dem „Agilen Manifest“ begann. In der Musik bedeutet dieser Transfer vor allem:

  • Ergebnisoffenheit: Auf die Tagesform agil zu reagieren, anstatt an gestrigen Plänen festzuhalten.
  • Mindset-Wandel: Agilität wird hier weniger als ein festes Framework mit To-dos verstanden, sondern primär als eine geistige Haltung (Mindset)

Von der Software zum Instrument: Warum Agilität für Musiker funktioniert

In der Arbeitswelt ist Agilität längst Standard, wenn es um komplexe Aufgaben geht: Software, Produktentwicklung, Teamarbeit. Der Grund ist einfach: Komplexe Systeme lassen sich nicht linear steuern.

Musikalisches Lernen ist ebenfalls ein komplexes System. Fortschritt verläuft selten geradlinig, Motivation schwankt, körperliche und mentale Faktoren greifen ineinander. Genau hier setzt der Agiles-Arbeiten-Transfer an.

Agile Methoden funktionieren für Musiker, weil sie:

  • mit Unsicherheit rechnen, statt sie zu ignorieren
  • Lernen als Experiment verstehen
  • Fehler nicht bewerten, sondern auswerten
  • Fortschritt sichtbar machen

Im Interview erläutert Regina Brandhuber zwei weitere Gründe, warum dieser Ansatz für Musiker*innen funktioniert:

  1. Überwindung der Isolation: In der Softwareentwicklung ist Kollaboration entscheidend. Regina sieht großes Potenzial darin, das Üben nicht mehr als einsames, sondern als soziales Event zu begreifen und Kollaborationsformen zu finden.
  2. Messbarkeit und Struktur: Durch agile Artefakte (wie Dokumentationen) wird der Fortschritt messbarer und planbarer. Was in der IT „lebendige Werkzeuge“ an der Wand sind, ist für Musiker das Übetagebuch.

„Etwas aufzuschreiben macht es messbarer, nachvollziehbarer und auch planbarer.“

Regina Brandhuber

Die wichtigsten Methoden im Überblick

Iteratives Üben statt stundenlanges Wiederholen

Anstatt Stücke stundenlang durchzuspielen, setzt agiles Üben auf kleine, überschaubare Einheiten, die wie ein Puzzle zusammengesetzt werden.

  • Minimal Viable Product (MVP): Es geht darum, so früh wie möglich einen testbaren Output zu erzeugen, den man bewerten und auf den Prüfstand stellen kann.
  • Growth Stories: Dies sind kleine Experimente oder Verhaltensabschnitte (z. B. „fünf Minuten hochkonzentriert üben“), die man durchführt und danach bewertet, ob sie einen dem Ziel nähergebracht haben.

Visualisierung mit dem Übe-Kanban

Auch wenn wir in unserem Gespräch nicht explizit über Kanbans sprechen, beschreibt Regina die Methodik dahinter durch agile Artefakte und Visualisierung:

  • Artefakte: Diese dienen als lebendige Werkzeuge, die den aktuellen Informationsstand abbilden und ständig gepflegt werden.
  • Definition of Done (DoD): Ein zentrales Werkzeug ist die Liste, die festlegt, wann eine Aufgabe wirklich „fertig“ ist (z. B. ein Stück 10 % schneller spielen können als im Konzerttempo oder es mit geschlossenen Augen beherrschen). Dies verhindert das zermürbende Gefühl, „nie gut genug“ zu sein.

Retrospektiven: Wie man Fehler als Datenpunkte nutzt

Die Retrospektive findet sich im agilen Üben in Form von regelmäßigen Abstimmungszyklen und der Bewertung von Experimenten wieder:

  • Daily und Weekly: Tägliche oder wöchentliche Abstimmungen (auch mit sich selbst oder einer KI als Partner), um die Dokumentation zu sichten und Ziele anzupassen.+1
  • Fehler als Daten: Durch das Denken in Hypothesen („Ich vermute, dass…“) werden Ergebnisse nicht als Scheitern, sondern als Feedback für die nächste Iteration gewertet.+1
  • Sprintgoals: Das Setzen und Auswerten von Wochenzielen (Sprintgoals) hilft dabei, die eigene Arbeitskapazität realistisch einzuschätzen und den Fokus zu behalten.

Das Interview mit Regina Brandhuber

Was bedeutet Üben heute?

Regina, die erste Frage, mit der es immer losgeht: Vervollständige den Satz – Üben heißt für dich …?

Agilität.

Das müssen wir gleich erklären – lassen wir das erstmal so stehen. Gibt es aktuell eine Musik, ein Album oder einen Song, der bei dir in Dauerschleife läuft?

Bei mir sind es eher einzelne Songs als ganze Alben. Ich bin immer auf der Suche nach dem perfekten Song. Gerade laufen bei mir „Meteor at the Light“ von Desiree Dawson und „Cathleen“ von The Foxes in Dauerschleife. Irgendwann kann man sie nicht mehr hören – aber solange sie perfekt sind, funktionieren sie.

Künstlerische Vorbilder & musikalische Prägung

Du bist Sängerin – gibt es für dein eigenes Musizieren künstlerische Vorbilder?

Ich komme aus dem klassischen Gesang, habe mich davon aber inzwischen stark entfernt. Wenn ich heute nochmal studieren würde, dann Musical- oder Popgesang. Meine Vorbilder sind Mariah Carey, Whitney Houston oder Disney-Musicalsängerinnen wie Idina Menzel. Diese Songs sind einfach perfekt gebaut.

Rastergrafik
Ein Poster mit dem Titel „MEINE 10 ÜBE-GEBOTE“. Darunter folgen zehn Tipps für effektives Üben eines Musikinstruments, nummeriert von 1 bis 10. Die Tipps beinhalten Empfehlungen wie geduldig mit sich selbst zu sein, ausreichend Pausen zu machen, auf Klangdetails zu achten, Wiederholungen zu reduzieren, Klang und Technik zu verbinden, Übezeiten zu planen, Aufnahmen zur Kontrolle zu nutzen, langsam zu üben, auf eine entspannte Körperhaltung zu achten und Erfolge bewusst wahrzunehmen. Am unteren Rand befinden sich das Logo von "whipr." und ein QR-Code.

Melde dich für meinen High Five Newsletter an und erhalte 10 Übe-Tipps gratis!

Einmal im Monat nehme ich dich mit hinter die Kulissen meines Podcasts:

  • Du erfährst exklusiv, wer meine nächsten Gäste sind.
  • Du bekommst praxiserprobte Einblicke in das Thema Üben.
  • Du erhältst handverlesene Bücher- und Musiktipps direkt auf dein Handy oder deinen Rechner.

Kurz, kompakt und kostenlos – genau die Inspiration, die du fürs tägliche Üben brauchst.

Nur aktuell: Als Dankeschön erhältst du meine 10 besten Übe-Tipps als kostenloses PDF direkt nach deiner Anmeldung!


Entweder–Oder-Fragen

Nürnberger Lebkuchen oder Bratwürste?

Lebkuchen.

Vorschau oder Rückschau?

Vorschau.

Daily oder Weekly?

Daily.

Wenig und oft oder selten und viel?

Wenig und oft. Kleine Häppchen, dafür regelmäßig.

Was bedeutet Agilität wirklich?

Agiles Üben einfach erklärt

Lass uns über Agilität sprechen. Wie würdest du Agilität für Musikerinnen und Musiker einfach erklären?

Agilität heißt im Kern Flexibilität. Im Üben bedeutet das: Keine starre Routine steht über mir. Ich frage mich jeden Tag neu: Wer bin ich heute? Was brauche ich heute?

Agiles Üben ist ergebnisoffen. Ich kann planen – aber ich reagiere flexibel auf meine Tagesform.

Agile Methoden Musik: Ursprung & Mindset

Agilität stammt ursprünglich aus der Softwareentwicklung – richtig?

Ja. 2001 haben Softwareentwickler das Agile Manifest formuliert. Es geht dabei weniger um konkrete Methoden, sondern um ein Mindset: Zusammenarbeit, Anpassungsfähigkeit, Lernen durch Feedback. Genau das lässt sich hervorragend auf Musik übertragen.

Der große Unterschied zum klassischen Übeverständnis

Scrum für Musiker & Selbstorganisation im Musikstudium

Wo liegt der größte Unterschied zwischen klassischem Üben und agilem Üben?

Zwei Punkte:

  1. Üben wird sozial. In der Softwareentwicklung arbeitet man im Team – das lässt sich übertragen. Üben muss kein einsamer Prozess sein.
  2. Dokumentation wird zentral. Übetagebücher, Notizen, visuelle Übersichten – das macht Fortschritt sichtbar und steuerbar.

Effizient dein Instrument üben mit „Growth Stories

Vom Ziel zur umsetzbaren Handlung

Du hast das Konzept der „Growth Story“ entwickelt – was ist das genau?

Eine Growth Story ist ein bewusst gestaltetes Übe-Experiment.

Ich formuliere eine Vermutung („Wenn ich X tue, passiert Y“) und eine konkrete Aktion. Danach reflektiere ich: Hat es funktioniert?

Beispiel: Wenn ich in 5-Minuten-Blöcken übe, bleibe ich konzentrierter.

Kleine Schritte statt großer Überforderung

Viele Musiker haben große Ziele – Probespiel, Stelle, Karriere. Wie wird das greifbar?

Solche Ziele liegen oft nicht in unserer Kontrolle. Ich empfehle Ziele, die durch eigenes Handeln erreichbar sind.

Der Weg dorthin besteht aus kleinen, messbaren Schritten – nicht aus Druck.

Maturity Models: Komplexe Fähigkeiten strukturiert aufbauen

Agiles Arbeiten Transfer in die Musik

Ein Reifegradmodell (Maturity Model) hilft, Fähigkeiten in Stufen zu denken.

Beispiel:

Ziel: Ein Stück auswendig mit geschlossenen Augen spielen

  • Stufe 1: Mit Noten fehlerfrei
  • Stufe 2: Auswendig
  • Stufe 3: Auswendig mit geschlossenen Augen
  • Stufe 4: Zusätzlich singen
  • Stufe 5: Unter Ablenkung sicher performen

So entstehen automatisch sinnvolle Übe-Experimente.

Dokumentation als Schlüssel zur Selbstwirksamkeit

Warum ist Aufschreiben so entscheidend?

Weil dein Gehirn das Geschaffte sonst kleinredet. Was dokumentiert ist, kann nicht mehr zerredet werden. Das stärkt Selbstwirksamkeit enorm – gerade im Musikstudium und danach.

Die Triple-Tomate: Radikal effizient üben

Agile Methoden Musik konkret

Ich habe die Pomodoro-Technik weiterentwickelt: 25 Minuten bestehen aus vier 5-Minuten-Einheiten, jede mit klarem Lernziel.

Die letzte Einheit dient der Planung. Ergebnis: Ich habe ein komplettes Konzertprogramm mit 3,5 Stunden Übezeit vorbereitet – und war fertig.

Backlog & Planung: Ordnung im kreativen Chaos

Wie organisierst du deine vielen Ideen?

Mit einem Backlog – einer priorisierten To-do-Liste. Einmal pro Woche pflege ich ihn, definiere mein Sprintziel und arbeite fokussiert darauf hin. Aktuell nutze ich dafür digitale Tools wie Miro.

Erster Schritt: Wie du mit agilem Üben startest

Effizient Instrument üben – sofort umsetzbar

Hör in dich rein: Was reizt dich gerade am meisten?

Wähle eine Idee aus, formuliere einen kleinen Schritt – und probiere ihn wirklich aus Das Tun ist der Game Changer.

Was lernst oder übst du gerade, was du noch nicht gut kannst?

Englisch – und innere Gelassenheit.

Welchen Rat hättest du dir als Erstsemester gewünscht?

Finde deinen eigenen Weg. Er ist konkurrenzlos.

Wer schreibt hier eigentlich..?

Patrick Hinsberger auf Treppe mit Trompete
Musiker | Podcast-Host | Blogger |  + posts

Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"

Was denkst du davon?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert