In der Musikwelt hält sich hartnäckig der Mythos, dass bloße Wiederholung zum Erfolg führt. Doch wer seine Übetechnik auf das nächste Level heben will, muss verstehen, dass Qualität über Quantität steht. Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2025 von Micah F. Killion und Robert A. Duke mit dem Titel “The Central Strategy of Music Practice” liefert hierzu neue Erkenntnisse. Obwohl nur sechs Profi-Trompeter (u.a. Chris Colletti von Canadian Brass) beobachtet wurden, lassen sich daraus Übestrategien ableiten, die sich in der Praxis auf viele Instrumente – von Klavier bis Violine – übertragen lassen.
In diesem Guide erfährst du, wie du deine Effizienz steigerst, Fehler sofort korrigierst und durch gezielte Übetechniken schneller Fortschritte machst.
Was ist eine Übestrategie?
Eine Übestrategie ist ein systematischer Plan, um musikalische Herausforderungen zu bewältigen. Im Gegensatz zum bloßen „Spielen“ beinhaltet eine effektive Strategie die Analyse von Fehlern, die Reduktion von Komplexität und die bewusste Steuerung der Aufmerksamkeit. Die Forschung zeigt, dass Profis nicht mehr üben, sondern anders – mit einem klaren Fokus auf Präzision und mentaler Vorhaltung.
So üben die Profis
Im Podcast „Wie übt eigentlich..?“ spreche ich alle zwei Wochen mit Profi-Musiker*innen und Wissenschaftler*innen rund um das sensible Thema Üben. Sie
Wie übt eigentlich..? ist damit der erste deutschsprachige Interview-Podcast, der sich ausschließlich mit dem Üben beschäftigt. Die Gäste sprechen über Routinen und wissenschaftlich fundierte Strategien, um Üben nicht nur besser zu verstehen – sondern auch gezielt besser zu werden.
Die 5 Säulen der Profi-Übetechnik
1. Die klangliche Vorstellung (Intention vor Aktion)
Bevor der erste Ton erklingt, muss das Ziel im Kopf existieren. Die Studie belegt, dass Profis nur etwa 57 % ihrer Zeit (Killion & Duke 2025) mit dem tatsächlichen Spielen verbringen. Der Rest ist Analyse, Singen oder z.B. Dirigieren.
- Die Übetechnik: Nutze das „Voraushören“. Singe die Passage laut oder innerlich. Wenn du nicht weißt, wie es klingen soll, kannst du Abweichungen nicht korrigieren.
- Sofort-Stopp-Prinzip: Tritt ein Fehler auf, stoppe sofort. Profis reflektieren nicht erst minutenlang; sie spüren die Abweichung in Echtzeit, weil ihr inneres Modell so detailliert ist.
2. Gezielte Wiederholung und Variation
Einfaches Wiederholen festigt Fehler. Eine kluge Übetechnik nutzt die Variation, um das Gehirn wach zu halten.
- Chunking (Häppchenbildung): Identifiziere die kleinste problematische Einheit (z. B. eine einzelne Tonverbindung).
- Rhythmische Variation: Spiele eine schwierige Passage in verschiedenen Rhythmen (Punktierungen, Triolen), um die motorische Sicherheit zu erhöhen. Diese Übestrategie sorgt für eine tiefere neuronale Verankerung.
3. „Doable-Ize“: Die Kunst der Reduktion
Das Wort „Doable-Ize“ (etwas machbar machen) ist das Herzstück der Studie. Wenn eine Stelle nicht klappt, reduziere die Anforderungen, bis Erfolg garantiert ist.
- Parameter-Reduktion: Nimm das Tempo radikal raus, lass die Artikulation weg oder vereinfache den Rhythmus.
- Habituationsstärke: Dein Körper lernt durch Erfolg. Zehn falsche Versuche trainieren das „Falschspielen“. Eine erfolgreiche, reduzierte Wiederholung baut hingegen echtes Selbstvertrauen und Stabilität auf.

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4. Den musikalischen Ausdruck beibehalten
Eine häufige Falle beim Üben technischer Passagen ist das „mechanische Herunterspielen“. Profis wie Fagottist Theo Plath betonen, dass die künstlerische Vision niemals verloren gehen darf.
- Tipp: Auch wenn du eine Passage extrem langsam übst, behalte die Dynamik und die Phrasierung bei. Eine Übetechnik, die Musik von Technik trennt, ist langfristig ineffektiv.
5. Re-Kontextualisierung (Das große Ganze)
Nachdem du in eine Stelle „hineingezoomt“ hast, musst du den Kontext wiederherstellen.
- Die 3-Schritte-Integration:
- Übe den Takt vor der Problemstelle.
- Übe die Stelle selbst.
- Übe den Übergang in den nächsten Takt. Systematisch wird so die „Insel“ wieder mit dem Festland des Musikstücks verbunden.
Weitere fortgeschrittene Übetechniken für deinen Alltag
Um deine Motivation hochzuhalten und die Effizienz zu maximieren, solltest du dein Repertoire an Techniken erweitern:
Mentales Üben
Studien zeigen, dass mentales Üben fast in Kombination mit physischen Üben die nachhaltigste Übe-Methode ist (Steenstrup 2021). Visualisiere die Griffweisen und höre den Klang, ohne das Instrument zu berühren. Dies ist die ultimative Übestrategie für unterwegs oder bei körperlicher Ermüdung.
Der Einsatz von Timern (Pomodoro für Musiker)
Nutze 25-Minuten-Blöcke mit 5 Minuten Pause. Fokus ist eine begrenzte Ressource. Eine klare zeitliche Struktur verhindert zielloses „Daddeln“ und steigert die Präzision. Hier zeige ich dir, wie du dich Pomodoro-Technik als Musiker nutzt.
Video-Analyse (Self-Monitoring)
Die Teilnehmer der Killion-Duke-Studie wurden per Video begleitet. Tue dasselbe! Nimm dich auf und analysiere dein Spiel mit einer neutralen Distanz. Oft hören wir beim Spielen nicht die volle Wahrheit.
Üben ist Anpassung, nicht Wiederholung
Die wichtigste Erkenntnis aus der aktuellen Forschung: Nicht die Wiederholung an sich führt zu Fortschritt, sondern die wiederholte Anpassung. Ziel deiner Übestrategie sollte die Häufung erfolgreicher Wiederholungen sein.
Wenn du das nächste Mal frustriert bist, weil eine Stelle nicht klappt: Doable-Ize it! Reduziere so lange, bis es klappt. Erfolg ist eine Gewohnheit, die man trainieren kann.
Quellen/Literatur
- Micah F. Killion; Robert A. Duke: The Central Strategy of Music Practice: A Blow- by-Blow Account, 2025 (abgerufen am 08.01.2026)
- Kristian Steenstrup: Imagine, Sing, Play- Combined Mental, Vocal and Physical Practice Improves Musical Performance, 2021 (abgerufen am 08.01.2026)
- Christopher Keach: Combined Practice and Its Benefit For Enhanced Learning and Retention, 2025
FAQ zur Übestrategie
Was ist die effizienteste Übestrategie?
Die effizienteste Strategie ist die Kombination aus klarer klanglicher Vorstellung, sofortiger Fehlerkorrektur und der Reduktion von Schwierigkeitsgraden („Doable-Ize“), bis eine fehlerfreie Ausführung möglich ist.
Wie verbessere ich meine Übetechnik?
Verbessere deine Technik durch gezieltes „Chunking“ (Aufteilen in kleine Einheiten), Variationen (Rhythmus, Tempo) und regelmäßige Video-Analysen zur objektiven Selbstkontrolle.
Warum ist langsames Üben so wichtig?
Langsames Üben ermöglicht es dem Gehirn, Bewegungsabläufe präzise zu speichern und Fehler in Echtzeit zu erkennen, bevor sie sich automatisieren. Mehr dazu findest du in meinem Gespräch mit Prof. Dr. Clemens Wöllner
Wer schreibt hier eigentlich..?
Patrick Hinsberger studierte Jazz Trompete bei Matthieu Michel und Bert Joris und schloss sein Studium im Sommer 2020 an der Hochschule der Künste in Bern (Schweiz) ab.
Seit seiner Bachelor-Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema musikalisches Üben und hostet seit 2021 den Interview-Podcast "Wie übt eigentlich..?"

