Audiation - Wie hängen Musik- und Sprachlernen zusammen?
Audiation: Wie hängen Musik- und Sprachlernen zusammen?
Juni 17, 2021
Wie übt eigentlich Steffen Weber?

Wie übt eigentlich Steffen Weber?

Wie übt eigentlich Steffen Weber?

Alle tun es, doch es scheint, als möchte niemand allzu gerne darüber sprechen. Üben. Musiker*innen verschiedenster Genres verbringen im Laufe ihrer Karriere Tausende von Stunden mit ihrem Instrument, ohne dabei wirklich regelmäßig den Austausch zu anderen zu suchen und zu erfragen, was er oder sie denn gerade so übe. Der Prozess musikalischer Weiterentwicklung versteckt sich hinter einer großen Portion Mystik, deren Schleier niemand recht lüften möchte. Sei es aus Scham, Konkurrenzdenken oder schlicht weil man nie so recht auf dieses Thema zu sprechen kommt.

Doch wäre es nicht gerade interessant zu wissen, was der Kommilitone, der Mitspielerin oder Freundin in Verein und Band gerade so an seinem Instrument erarbeitet? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eventuell selbst gerade das Gleiche übt und gegenseitig von Tipps und Ratschlägen profitieren könnte? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein erfahrener Spieler einem selbst neue Inspiration und Impulse für die nächste Übesession geben kann, einem ein neues Stück zeigt oder man durch das Gespräch einen neuen Spieler kennenlernt?

All diese Fragen, die sonst viel zu selten gestellt werden möchte ich in Zukunft regelmäßig in der Reihe „Wie übt eigentlich…?“ versuchen zu beantworten. Denn von anderen lernen heißt auch immer über sich selbst etwas zu erfahren.

Lieber hören statt lesen?

Natürlich findet Ihr den Podcast auch direkt in Spotify und Apple Podcast.

Diesen Monat: Steffen Weber

Seit inzwischen fast zehn Jahren sitzt Steffen Weber in der Saxophon-Section der HR-Bigband. Davor war er bereits einige Jahre Mitglied der SWR Bigband. Der gebürtige Mosbacher studierte von 1995 bis 1999 Saxophon an der Musikhochschule Mannheim, wo er später auch selbst als Dozent tätig war.

Neben der Bigband spielt Steffen seit seiner Studienzeit in der mehrfach preisgekrönten Band L14, 16 – die Adresse einer Bar in Mannheim, in der die sich die Band gründete.

Neben seiner musikalischen Arbeit lernte Steffen auch noch das Programmieren (siehe Interview) und entwickelte seine eigene Übe-App: iPracticePro. Wie diese genau funktioniert erklärt er im Podcast. Auf Youtube gibt es aber auch ein sehr umfangreiches Promo-Video, welches die App vorstellt.

Mehr Informationen zu Steffen Weber gibt es unter: http://www.steffenlaroseweber.de

Das Interview

Vervollständige folgenden Satz: Üben heißt für Dich…. 

Spaß haben. Und vor allem meinem Ziel ein Stück näher zu kommen. Nämlich das rauszuholen, was rauszuholen möglich ist. Bei mir persönlich natürlich. Und irgendwann zu merken, dass es einen Schritt weiter gegangen ist. Das merkt man ja immer erst eine Weile später.

Welche Musik (Album / Künstler) läuft bei dir gerade in Dauerschleife ? 

Das ist bei mir ehrlichgesagt gar kein Einzelner, sondern viele verschiedene. Ich höre mir momentan ziemlich viel alte Musik an. Vor allem alten Swing. Lester Young zum Beispiel. Aber auch Ben Webster oder Coleman Hawkins. Im Prinzip oft die Musik, die ich gerade für einen anstehenden Gig benötige. Aber es ist jetzt keine konkrete Platte an sich.

Welche CD hat Dich musikalisch (auf Dein Spiel bezogen) am meisten geprägt ? 

Tatsächlich gab es hier verschiedene Platten mit immer anderen Spielweisen. Ich stand zum Beispiel eine Zeit lang wahnsinnig auf Dexter Gordon. Ich bin ja Saxophonist, deshalb sind Saxophonisten meistens auch meine Favorits gewesen. Eine Zeit lang stand ich so unglaublich auf die CD „Daddy plays the Horn“ von Dexter Gordon. 

Die „Wie übt eigentlich..?“-Playlist, mit Empfehlungen und Musiktips aller Gäste.

Dann gings mit Sonny Rollins und John Coltrane los. Später war dann auch mal eine Platte von Michael Brecker total angesagt bei mir. 

Es gab aber auch mal Leute, die man nicht so gut kennt wie Ralph Moore zum Beispiel (unter anderem mit Ray Brown, Benny Green oder Roy Hargrove gespielt). Ihn kennt man spannenderweise auch aus der Tonight Show mit Jay Lenno – ist aber eigentlich ein völliger Swing-Spieler. Er spielt einfach auf seine eigene Art völlig super, fand ich damals – und finde ich natürlich heute immer noch. 

Es war Mark Turner natürlich, Ben Wendel. Es war immer eine Zeit lang ein bestimmter Mensch gewesen, den ich ausgecheckt hab. Mir gefallen eigentlich ziemlich viele wenn ich ehrlich bin (lacht dabei).

„Dafür habe ich nun viel mehr Erfahrung was ich üben und vor allem wie ich es üben muss. Das ist natürlich auch etwas, das man übt beim Üben.“

(Steffen Weber)

Als Saxophonist in der HR-Big Band sind deine Wochen sicher immer sehr gut durchorganisiert. Kannst du uns erzählen, wie dein typischer Arbeitsalltag aussieht und wie du darin dein persönliches Üben versuchst unterbringen? 

Da ich ja in Weinheim wohne und die Band in Frankfurt probt, muss ich dort erst einmal mit dem Zug hin. Dann proben wir in der Regel bis circa 14:30 Uhr bevor es dann wieder zurück nach Hause geht. Dort ist dann zunächst Hausaufgaben machen mit meinen beiden Kindern angesagt. Nach dem Abendessen übe ich dann meistens noch.

Das heißt dann aber auch früh aufstehen und spät ins Bett gehen?

Im Prinzip ja und meistens ende ich dann später noch ein bisschen vor dem Fernseher. Während der Dienstzeit hat man ja schon mehr als vier Stunden gespielt, das heißt nachmittags finden bei uns keine Ansatzübungen mehr statt. Man übt dann Dinge, die einen musikalisch weiter bringen – also improvisatorisch. Für mich heißt das dann, dass ich mich abends nicht mehr in meine Übebox zum Töne-Aushalten hinstelle, sondern Sachen übe, die Spaß machen und weswegen ich eigentlich auch Musik mache. Töne-Aushalten machen Saxophonisten sowieso nicht ganz so viel wie andere Bläser. (lacht)

Was hilft Dir, nach einem anstrengenden Tag, um am Besten auf andere Gedanken zu kommen? 

Damit habe ich eigentlich überhaupt kein Problem. Ich brauche mich in der Regel nicht „runterbringen“. Oder was meinst du genau damit?

Ja, genau. Mir hilft es beispielsweise oft nach einem anstrengenden Probetag noch Sport zu machen.

Das mache ich auch und kommt dann zwischendrin noch dazu – allerdings nicht jeden Tag. Aber Sport machen ist selbstverständlich super. Allerdings ist es nicht etwas, das ich brauche um abschalten zu können. Ich habe nicht das Gefühl, dass hierfür eine andere Tätigkeit brauche – kommt vielleicht noch. (lacht)


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Dieser Blog ist entstanden aus meiner Bachelor-Arbeit an der Hochschule der Künste in Bern und trägt sich leider noch nicht selbst. Mit der Aktion „Musenküsse für’s Notenpult – Postkarten für den guten Zweck“ möchte ich die Arbeit des SOS-Kinderdorfs Frankfurt-Sossenheim unterstützen. Im dortigen SOS-Kinder- und Familienzentrum werden unter anderem Kreativ- und Musikkurse angeboten, um den Kindern und Jugendlichen den Zugang zum Erlernen eines Musikinstrumentes zu ermöglichen. Von jedem erworbenen Postkarten-Set gehen 10% an das SOS-Kinderdorf.
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Hast Du einen bewusst gewählten freien Tag in der Woche ? Wie leicht fällt es Dir guten Gewissens diesen Tag auch wirklich frei zu halten ? 

Bewusst gewählt ist er nicht, aber es ergibt sich oft so am Wochenende – da ich ja Familie und zwei Kinder habe. Wenn die dann auch frei haben und es zum Beispiel zu Oma und Opa geht, passiert es schon einmal, dass an diesem Tag ganz frei ist. Oder ich spiele abends noch ein wenig. Allerdings ist es kein bestimmter Tag, sondern es passiert dann einfach. 

Viele kleine Übe-Einheiten oder lieber ein paar längere am Stück ? Und warum ?

Meine Einheiten sind meistens circa 45 Minuten. Allerdings auch nicht mit der Stechuhr. Es passiert auch mal, dass es nur eine halbe Stunde ist oder sogar eine Stunde. Und es ist natürlich nicht so, dass ich die ganze Zeit über voll konzentriert bin. Das geht auch gar nicht. Zwischendrin gibt es dann immer wieder Sachen, die im Autopilot funktionieren.

Es ist ja auch so eine Mär, dass man länger als zehn Minuten wirklich super konzentriert sein kann. Das geht einfach nicht, glaube ich. Da gibt’s immer wieder zwischendrin ein paar kurze Zeitspannen, die mal unkonzentriert sind. So funktioniert wahrscheinlich unser Gehirn, da kenne ich mich nicht aus – aber ich selbst habe es noch nie geschafft, mich länger als zehn Minuten wirklich so super zu konzentrieren. Deswegen ist’s auch gut, dass man in Stücken zwischendurch Pause hat.

Bei mir ist es beim Üben tatsächlich so, dass ich dann Sachen mache, die mein geistiges Dasein fördern und benötigen und die sich mit Übungen abwechseln, die im Autopilot laufen. Insgesamt komme ich meist so auf circa 45 Minuten, mache dann eine kleine Pause und dann das Gleiche nochmal. Oft ist dann der Tag auch schon rum. Mehr als zwei Stunden üben ist bei mir, im Normalfall, nach dem Dienst nicht mehr drin.

Wie hast du es geschafft Dein Üben langfristig zu strukturieren ?

Ich habe das eigentlich immer schon so gehalten, dass ich mir Ziele gesetzt hab. Wenngleich diese zwischendrin auch mal variieren konnten. Ich hatte immer drei Kategorien von Zielen. Das eine waren kurzfristige Ziele, mittelfristige und langfristige Ziele.

Kurzfristige Ziele waren für mich dabei immer Auftritte, die demnächst anstanden. Wenn ich zum Beispiel irgendwo gespielt habe und musste mir dafür Noten anschauen oder Changes, über die ich noch nicht gescheit spielen konnte. Auch Stellen in Nebeninstrumente (Flöte & Klarinette) fallen hier hinein. Weil beim Konzert ist es ja immer so, du hast eine Chance und wenn die Stelle dann nicht geklappt hat, ist die Chance vorbei. Dann gibt’s zwar beim nächsten Konzert wieder eine Chance, aber für dieses Mal war’s dann halt nichts. Das habe ich versucht mit den kurzfristigen Zielen zu verhindern.

Aus den langfristigen Zielen ergeben sich die mittelfristigen Ziele. Die langfristigen Ziele sind für mich Dinge, wo man sagt „in einem halben Jahr, in einem Jahr oder sogar noch länger, werde ich das dann können“. Das wäre zum Beispiel bestimmte Stücke in allen Tonarten beherrschen. Das wäre jetzt nichts, das man in einem Monat wirklich „können kann“, glaube ich. Manche Sachen benötigen einfach etwas mehr Zeit. Wie zum Beispiel auch Intonation. Überhaupt Gehörbildung. Die kann man sich nicht kurzfristig erarbeiten. 

Die mittelfristigen Ziele sind dann die Dinge, die ich mache, um die langfristigen zu erreichen. Gesetzt den Fall ich möchte ein bestimmtes Stück in allen Tonarten üben und ich merke, da ist eine Verbindung drin, die ich nicht in allen Tonarten spielen kann – weil ich sie nicht höre oder nicht verstehe – dann muss ich eventuell erst diese kleine Verbindung in allen Tonarten üben. Das sind dann Übungen, die ich täglich mache – wobei die kurzfristigen Ziele natürlich ein bisschen Vorrang haben – und ich erreiche damit sukzessiv meine Langfristigen.

Der Hauptunterschied zu früher: Sobald man Familie hat, ist es mit dem Üben deutlich anders. Es muss gar nicht zwangsläufig weniger werden, aber es wird von der Strukturierung ganz anders. 

Ich bin früher, während des Studiums in Mannheim, oft auch schon ganz früh zur Hochschule gegangen und war dann dort im Prinzip den ganzen Tag. Natürlich hat man sich dann auch mal mit den Kollegen getroffen und einen Kaffee getrunken, oder etwas zu Mittag gegessen. Aber da man nicht so die Verpflichtungen hatte, bestimmte Dinge zu tun, war man viel freier. Man konnte den ganzen Tag in der Hochschule üben. Und natürlich ist es dann ein ganz anderes Üben, wenn man sagt „jetzt habe ich zwei Stunden Zeit – jetzt muss ich üben“. Wenn man diese Zeit dann vertrödelt, oder selbst nur eine Stunde davon Quatsch macht, bleibt nur noch eine Stunde übrig.

Bei mir war das während des Studiums eher ein „in den Tag hinein leben“ – das typische Studentenleben. Das hat natürlich etwas, wobei man unglaublich viel Zeit davon am Ende doch nicht geübt hat. Letztlich ist es aber, finde ich, auch wichtig, dass man das mal so gemacht hat. Das geht nun aber nicht mehr. 

Dafür habe ich nun viel mehr Erfahrung was ich üben und vor allem wie ich es üben muss. Das ist natürlich auch etwas, das man übt beim Üben. 

Man könnte dich also durchaus als jemanden bezeichnen, der immer schon recht strukturiert war und der im Laufe der Zeit– dann durch äußere Umstände wie Familie etc – sich nochmals mehr Gedanken über wie teile ich mein Üben ein, was übe ich und wenn ich Zeit habe wie übe ich gemacht hat ?

Ja, strukturiert war ich tatsächlich schon immer. Das was und wie man etwas übt war schon zu meiner Studienzeit total das Thema für mich. Viele Sachen beim Üben sind ja aus dem Trial-and-Error Prinzip entnommen. Man probiert etwas und merkt den Effekt erst viel später, bei der Improvisation beispielsweise. Ich weiß jetzt besser bei mir – ich sag immer bei mir dazu, weil jeder da auch anders ist – dass ich bestimmte Sachen machen muss, um etwas zu erreichen. Das wusste ich damals noch nicht so. Aber ich wusste, dass es bestimmte Übungen gibt, die einfach besser sind und die jetzt bei anderen nicht funktionieren. 

Das heißt: wenn ich zu einem Kollegen gehe und frage „Wie übst du das?“ ist das immer nur ein Tipp, wie man es machen kann. Aber das heißt nicht, dass das die Übung ist, die auch für mich gut funktioniert. Das ist das, was mich damals schon am meisten interessiert hat beim Üben: wie schaffe ich es, mich innerhalb von kurzer Zeit – ohne Abkürzungen zu nehmen – zu verbessern. Das weiß ich inzwischen besser als früher – das ist eigentlich der einzige Unterschied. Das und, dass ich weniger Zeit habe. 

„Was ich dabei herausgefunden habe ist, dass es letzten Endes sowieso kein Universalrezept gibt. Ich glaube der beste Lehrer ist man immer selbst.“

(Steffen Weber)

Du warst ja auch eine ganze Zeit lang Dozent in Mannheim und in Mainz. Würdest du sagen, dass sich durch die Arbeit mit den Studierenden und das Verbalisieren bestimmter Probleme dein Üben ebenfalls nochmals verändert hat?

Ja, mit Sicherheit. Ich finde immer, wenn man jemanden hört – egal ob auf CD oder live  und auch beim Unterrichten – dann lernt man daraus. Auch als Lehrer logischerweise. Es gibt dann immer Momente, in denen man gedacht hat „Diese Person spielt auf eine bestimmte Art und Weise und was sage ich ihr jetzt, damit sie besser wird?“. Was ich dabei herausgefunden habe ist, dass es letzten Endes sowieso kein Universalrezept gibt. Das ist immer der falsche Ansatz. Man sollte immer individuell auf die Leute eingehen und das ist auch die eigentlich große Herausforderung beim Unterrichten. Selbst der beste Lehrer kann einem jedoch nicht die besten Tipps geben. Ich glaube der beste Lehrer ist man immer selbst. 

Aber ich für mich konnte beim Unterrichten schon bereits einiges herausziehen. Jeder Schüler hat mir andere Perspektiven aufgezeigt: alle haben verschieden gespielt, unterschiedlich geübt und sich andere Gedanken gemacht. Selbst wenn es manchmal nur Kleinigkeiten waren, die mich selbst auf andere Ideen gebracht haben. Dadurch habe ich dann angefangen Dinge , die ich selbst gemacht habe, wieder zu hinterfragen. 

Ich weiß nicht, ob es Schüler gibt (im Jazz), die die Tipps ihrer Lehrer wirklich genauso 1:1 übernehmen. Das glaube ich nicht. Ich denke für die meisten sind die Tipps eben Tipps. Man nimmt das wahr, was der Lehrer sagt und adaptiert es für sich. Und das ist, denke ich, auch der richtige Weg. 

War das Unterrichten unter anderem auch ausschlaggebend für deine App gewesen?

Naja, irgendwie natürlich schon. Der Hauptgrund hingegen war jedoch ganz unmusikalisch. Mein großer Sohn hatte mir angefangen YouTube-Videos zu zeigen, in denen ein Programmierer zeigt, wie man den Apple-Taschenrechner programmiert. Ich hatte mich dann wahnsinnig gefreut, dass sich mein Sohn fürs Programmieren interessiert und wollte das unterstützen und habe mir ein Buch gekauft. Mit dem habe ich dann selbst sofort angefangen zu lernen, damit ich ihm helfen kann. Nach zwei Wochen ließ sein Interesse jedoch wieder nach. Ich wollte ihm aber dann zumindest zeigen, dass wenn man etwas beginnt man es auch zu Ende machen sollte. Daraufhin begann ich zu überlegen, was ich machen könnte – nur das Buch zu lesen machte auch keinen Sinn. 

Ich hatte überall Zettel mit Notizen zum Üben verteilt und wollte diese gebündelt in eine App packen. Angefangen bei Fingersätzen bis zu Übungen für Vierteltöne und False Fingering versuchte ich daraufhin ein Konzept zu entwickeln, wie ich diese Dinge in einer App unterbringen könnte. Die Liste wurde dann immer länger und es gab immer mehr Ideen, bis letztlich die App im Appstore war – das war jedoch nicht geplant. (lacht)

Übst Du Gehörbildung, Harmonielehre oder Rhythmik noch gesondert in Deiner Überoutine ? Oder falls nicht, wie schaffst Du es, bewusst diese Bereiche in Dein Üben einzubauen ?

Ich übe alle von diesen Sachen, die du gerade genannt hast immer noch. Ich glaube die übt man sein ganzes Leben. In der App gibt es dazu verschiedene Sektionen. Eine davon nennt sich Drones, in der es vor allem um Intonation geht. Hier kann man zu verschiedenen Sounds tunen. Das ist tatsächlich auch etwas, dass ich relativ viel gemacht habe: Intervalle hören und diese dann in Relation zu anderen setzen.

iPracticePro-App Screenshot
iPracticePro-App (Screenshot)

Das Saxophon ist ja ein Instrument, welches standardmäßig nur einen Ton gleichzeitig spielen kann und da ist es besonders wichtig zu wissen, welchen Ton man in Relation zum Akkord spielt, um gut zu stimmen. Auch zu Sounds, zu denen man im Jazz nicht so häufig spielt – wie ein Fagott zum Beispiel. 

Was ich früher ebenfalls viel gemacht habe ist zu Zwölftonreihen zu üben. Damals gab es logischerweise noch keine iPhones und auch noch nicht die App, also habe ich mir die zwölf Töne auf ein Blatt Papier aufgeschrieben. 

Dann habe ich mir dazu Übungen ausgedacht, wie z.B. Dur-Dreiklänge üben. Das wird sehr wahrscheinlich jeder, der das hier liest, können. Man kann die Übung jedoch so schwer machen, wie man möchte. 

Ich habe mir dann immer eine Übung ausgedacht, die ich gerade so konnte – sprich: ich habe immer noch Fehler gemacht. Wichtig ist, dass die Übung weder zu schwer noch zu leicht ist. Die Reihe habe ich dann jeden Tag gewechselt und immer eine andere Übung dazu genommen. Das habe ich im Prinzip ab circa dem dritten Jahr immer gemacht. Und das macht die App ebenfalls.

Wie gehst du mit Fehlern um?

Fehler sind ja dafür da, dass man sie macht, um sie dann früher oder später korrigieren zu können. Und daraus zu lernen. 

Das bedeutet: Wenn ich einen Fehler mache, ist mir das erstmal egal. Ich weiß natürlich wo etwas falsch gewesen ist und dann übe ich diese Sachen nochmal getrennt.

„Je höher man läuft, desto höher wird auch der Berg, weil man am Anfang ja gar nicht weiß, was man nicht kann.“

(Steffen Weber)

Was lernst (übst) Du gerade, was Du noch nicht kannst ? 

Ich lerne ehrlich gesagt gerade relativ viel: Ich lerne Programmieren. Das hat auch unglaublich viel mit Improvisieren zu tun, obwohl es auf den ersten Blick nicht so scheint. Ganz einfach aus dem Grund, weil man alles mit ganz verschiedenen Lösungswegen erreichen kann. Jedoch sind nicht alle gut. Wie beim Improvisieren gibt es dann eine gute Programmierung und eine nicht so gute.

Was ich nach wie vor übe ist einfach Saxophon-Spielen. Beispielsweise Sachen, die ich immer schon gemacht habe, auf neue Arten üben.

Welchen Tipp würdest Du Deinem jüngerem, Erstsemester-Musikstudenten-Ich gerne mitgeben, um den Du damals froh gewesen wärst ? 

Es gibt ein Sprichwort, das heißt: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Es gibt viele Lehrer und man hat viele Musiker, wie die „Weltmeister“ Coltrane, Brecker oder auch von anderen Instrumenten wie beispielsweise Clifford Brown. Wenn ein Saxophonist jemand wie ihn hört, denkt er sich „Boah, das schaffe ich doch nie“. Aber er hat’s ja auch geschafft – also man kann es ja schaffen. 

Man sieht den Mount Everest vor sich, der immer höher wird und niemals tiefer. Der Punkt ist jedoch einfach loszulaufen, weil man merkt, dass man sowieso niemals oben ankommt. Je höher man läuft, desto höher wird auch der Berg, weil man am Anfang ja gar nicht weiß, was man nicht kann. Das wusste Coltrane allerdings auch. Das wussten alle großen Musiker. Das ist jedoch gar nicht schlimm. Die Hauptaussage ist: Mach’s einfach! Geh einfach immer weiter und üb einfach immer weiter und erfreu dich daran, dass du immer besser wirst. 

Meine Erfahrung ist, gerade auch bei vielen Studenten, dass man wahnsinnigen Respekt vor dem Berg hat und er gleich von Beginn an so hoch zu sein scheint, dass viele erst gar nicht loslaufen. Sie trippeln nur, aber sie laufen nicht. Das ist dann manchmal so schade, weil die Angst so groß ist, dass man gar nicht erst richtig losgeht. 

Ich glaube diejenigen, die immer weiter gehen – vor allem über Jahre und Jahrzehnte, die haben am Ende auch Erfolg.

„Meine Erfahrung ist, gerade auch bei vielen Studenten, dass man wahnsinnigen Respekt vor dem Berg hat und er gleich von Beginn an so hoch zu sein scheint, dass viele erst gar nicht loslaufen. Sie trippeln nur, aber sie laufen nicht. Das ist dann manchmal so schade, weil die Angst so groß ist, dass man gar nicht erst richtig losgeht. „

(Steffen Weber)

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