10 Tips to practice
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Wie übt eigentlich Peter Laib?
Wie übt eigentlich Peter Laib?
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Wie übt eigentlich Franziska Kuba?

Alle tun es, doch es scheint, als möchte niemand allzu gerne darüber sprechen. Üben. Musiker*innen verschiedenster Genres verbringen im Laufe ihrer Karriere Tausende von Stunden mit ihrem Instrument, ohne dabei wirklich regelmäßig den Austausch zu anderen zu suchen und zu erfragen, was er oder sie denn gerade so übe. Der Prozess musikalischer Weiterentwicklung versteckt sich hinter einer großen Portion Mystik, deren Schleier niemand recht lüften möchte. Sei es aus Scham, Konkurrenzdenken oder schlicht weil man nie so recht auf dieses Thema zu sprechen kommt.

Doch wäre es nicht gerade interessant zu wissen, was der Kommilitone, der Mitspieler*in oder Freund*in in Verein und Band gerade so an seinem Instrument erarbeitet? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eventuell selbst gerade das Gleiche übt und gegenseitig von Tipps und Ratschlägen profitieren könnte? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein erfahrener Spieler einem selbst neue Inspiration und Impulse für die nächste Übesession geben kann, einem ein neues Stück zeigt oder man durch das Gespräch einen neuen Spieler kennenlernt?

All diese Fragen, die sonst viel zu selten gestellt werden möchte ich in Zukunft regelmäßig in der Reihe „Wie übt eigentlich…?“ versuchen zu beantworten. Denn von anderen lernen heißt auch immer über sich selbst etwas zu erfahren.

Lieber hören statt lesen?

Natürlich findet Ihr den Podcast auch direkt in Spotify und Apple Podcast.

Diesen Monat: Franziska Kuba

Auf Franziska Kuba bin ich im letzten November aufmerksam geworden. Da stand sie, gemeinsam mit zwei anderen Dirigent*innen im Finale des Chordirigent*innen-Preises – und gewann den Publikumspreis. Im MDR erschien daraufhin ein Interview mit ihr, welches ich fasziniert las.

Denn sind wir ehrlich, die Frage wie sich ein*e Dirigent*in auf Proben und Konzerte vorbereitet dürfte sich gewiss ein jeder von uns bereits mal gestellt haben. Grund genug um dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Dass unser Gespräch schnell noch viele weitere Dimensionen ihres Berufsalltags öffnete, lag sicher an der unglaublich offenen und neugierigen Art von Franziska. Kein Wunder also, dass sie gerade auch eine Promotion anstrebt.

Besonders schön fand ich, mit welcher Offenheit Franziska über ihre Schwächen sprechen kann – ohne dabei schwach zu wirken. Im Gegenteil sogar. Sie scheint daraus Kraft und Energie zu schöpfen noch mehr an ihrer Passion, dem Chor-Dirigieren, zu arbeiten.

Zum ersten Mal habe ich mit einer Gästin nach dem “offiziellen” Teil beinahe noch einmal genauso lange gesprochen, wie davor. Teile dieser Unterhaltung könnt ihr im Podcast nachhören.

Das Interview

Übersicht

Wie übt eine Dirigentin?

Vervollständige folgenden Satz: Üben heißt für Dich…. 

Mir kommen da gleich zwei Dingen in den Sinn: Zum einen „Üben heißt für mich Stress“ und „Üben heißt für mich Entspannung“.

Wie löst du diesen Gegensatz auf ?

Der wird sich, glaube ich, niemals auflösen. In Zeiten des Lockdowns ist Üben für mich Entspannung. Wohingegen in Zeiten von „ich renne von einem Termin zum nächsten“ Üben für mich Stress bedeutet.

Das heißt, du meinst damit also zeitlichen Stress und nicht Stress auf Grund eines unüberwältigbaren Bergs an Arbeit?

Naja, vielleicht werden wir darauf später noch eingehen. Aber ich finde, wenn ich mit Zeit und Entspannung ans Üben herangehen kann, dann ist es eben die absolute Entspannung. Dann bereite ich meine Sachen vor und es macht mir Spaß. Das ist genau das, was ich gerne mache. Ich freue mich dann darauf, ein Stück auf diese Art kennenzulernen. 

Wenn ich aber weiß, ich muss verschiedene Partituren lernen und zwar zu ganz bestimmten Zeiten, dann bedeutet das, dass ich in der begrenzten Zeit, die ich habe, alles unter einen Hut bekommen muss. Und dann kann dies eben auch zu Stress werden. 

Welche Musik (Album / Künstler) läuft bei dir gerade in Dauerschleife ? 

In der Adventszeit lief die ganze Zeit das Weihnachtsoratorium. In einer Aufnahme des Monteverdi-Chors, die ich sogar auf CD habe. 

Ansonsten höre ich gar nicht so viel Musik. Wenn, dann nur ganz gezielt – und meistens dann Sachen, die ich gerne kennenlernen möchte. 

Wenn ich etwas anmache, um gute Laune zu haben, dann höre ich mir „Deine Freunde“ an.

„Üben heißt für mich Stress“ und „Üben heißt für mich Entspannung“.

(Franziska Kuba)

Aber heißt das dann, dass du dir Musik immer unter einem „beruflichen“ Aspekt anhörst und gar nicht so sehr „zum Genießen“?

Es gibt in der Tat ganz wenige Stücke, die ich mir anhöre, um sie zu genießen. Und ich glaube nicht, dass ich meine Ohren ausschalten kann. Ich habe schon lange nicht mehr Stücke zur Entspannung gehört, oder weil ich sie besonders schön finde.

Hörst du absolut, dass es dir schwerfällt die Ohren „auszuschalten“?

Nein, ich höre nicht absolut.

Interessant. Das ist zum ersten Mal, dass ich eine Musiker*in höre, die Musik eher unter professionellen Aspekten hört und weniger aus genießerischen Gründen.

Ich finde, dass muss man ein wenig differenzieren. Ich habe noch nie in meinem Leben viel Musik gehört. Als Teenagerin habe ich viel Heavy Metal gehört, sonst allerdings nur wenig. 

Auf Autofahrten haben wir früher viel Helge Schneider gehört. Aber da habe ich immer nur zugehört, weil die anderen es angemacht haben. 

Ich habe Musik immer aktiv gemacht. Und wenn ich das mache, ist es jedes Mal ein Genuss. Es ist zwar meine Profession, aber es ist trotzdem jedes Mal für mich etwas Beseelendes. 

Welche CD hat Dich musikalisch (auf Dein Spiel bezogen) am meisten geprägt ? 

Das ist von Cantus Cölln, eine Alte Musik Gruppe, eine Aufnahme von Membra Jesu Nostri von Dietrich Buxtehude.

Die habe ich eine Zeitlang sehr viel gehört und immer angefangen zu weinen. Ich habe auch eine tolle Anlage, um Alte Musik zu hören. Wenn ich dann diese Aufnahme höre, kommt einfach alles in Wallungen, weil sie so fantastisch, so traurig und so berührend ist.

Die Vorbereitung einer Dirigentin

In der Vorbereitung gesehen, dass du vor allem viele Konzerte mit deinen regelmäßigen Projekten wie dem Vocalconsort Leipzig (VCL) oder dem Chorbeau hattest. Daneben hattest du bis letztes Jahr auch noch eine Lehrtätigkeit an der Hochschule in Freiburg. Kannst du uns erzählen, wie dein typischer Arbeitsalltag aussieht und wie du dich auf diese Konzerte vorbereitest?

Dadurch, dass die Pandemie inzwischen bereits seit zwei Jahren läuft, ist es schwierig für mich einen Alltag zu rekonstruieren. Und wenn ich nun an das letzte halbe Jahr denke, also Juni bis November (gerade im November durfte ich sehr viel arbeiten), dann gab es eigentlich keinen Alltag. 

Ich bin dann aufgestanden und wusste: ich gehe zwei Tage in die Probe. Dazu muss ich folgendes vorbereiten (wie ich dies eben schon beschrieben habe). Ich habe immer geschaut, was als nächstes anstand und dies dann abgearbeitet.

Als Dirigent*in ist dein Instrument ja das Orchester. Wie sieht dann im Vergleich dazu die Vorbereitung auf Projekte mit Chören aus, die die gar nicht kennst? 

Hier gibt es auf jeden Fall einen Unterschied, ganz klar. Wenn ich beispielsweise etwas für das VCL vorbereite, dann weiß ich ganz genau, was sie gut können und was nicht. Daher weiß ich dann in der Vorbereitung schon sehr gut, wo sie meine Hilfe benötigen.

Wenn ich hingegen mit einem Chor arbeite, den ich nicht kenne, dann weiß ich nicht wie gut sie sind. Weiß nicht, wie gut sie vorbereitet sind und weiß auch nicht, wie ihre Probearbeit aussieht. Das heißt, dass ich mich deutlich umfangreicher vorbereiten muss.

Ich kenne auch die Dynamiken innerhalb des Ensembles noch gar nicht und weiß nicht, worauf sie in der Probe reagieren: also beispielsweise eher technisches oder eher emotionaleres Proben. Oder sogar darauf, dass ich Anekdoten erzähle und sie damit „emotional gecatched“ sind. Ob ich viel am Klavier sitze oder viel vorsingen muss. Diese Aufzählung macht deutlich, dass die Vorbereitung deutlich umfangreicher ist. 

“Wenn ich hingegen mit einem Chor arbeite, den ich nicht kenne, dann weiß ich nicht wie gut die sind. Weiß nicht, wie gut sie vorbereitet sind und weiß auch nicht wie ihre Probearbeit aussieht. Das heißt, dass ich mich deutlich umfangreicher vorbereiten muss.”

(Franziska Kuba)

Vom Stethoskop zum Taktstock

Zu Anfangs hast du ja Geschichte und Gesang auch auf Lehramt studiert. Heißt das, das Dirigieren war gar nicht der Plan „A“ von Beginn an?

Nein, der Plan „A“ war es Medizin zu studieren. Als das nicht geklappt hat, habe ich mich kurzerhand für Schulmusik beworben, weil das damals auch ganz viele von meinen Bekannten gemacht haben. Damals hatte ich mich zunächst noch auf Biologie und Musik beworben und wurde dafür auch angenommen. Allerdings habe ich mich sehr kurzfristig dann doch für Geschichten eingeschrieben, da der Plan ja immer noch war, Medizin zu studieren und ich dann dachte, dann kann ich auch zunächst noch Geschichte lernen.

Und dann ging das Studium los. Chorleitung war dabei immer für mich etwas, von dem ich dachte, das schaffe ich sowieso nicht. Ich habe sehr gerne und sehr viel in Chören gesungen, aber mein Eindruck war immer, dass man für Chorleitung genial sein muss. Und, dass ich das nicht bin. Im Schulmusikstudium hatte ich dann meine ersten Berührungspunkte mit Chorleitung. Nach meiner ersten Choreinstudierung meinte dann meine Dozentin zu mir im Vorbeilaufen: „Du bist schweinebegabt.“

Daraufhin dachte ich dann, dass ich es ja dann doch mal versuchen könnte. Ich habe mich dann ein Jahr später, auch mit ihrer Hilfe, für Dirigieren beworben. Auch weil ich zu dieser Zeit bereits so enttäuscht vom pädagogischen Anteil in der Schulmusik war. Ich wurde dann an einer Musikhochschule angenommen und begann das Studium.

Ist der Traum vom Medizin-Studium damit endgültig verworfen?

Ich glaube, das ist nie endgültig verworfen. Ich habe immer mal wieder darüber nachgedacht, ob ich noch ein Zweitstudium mache – nachdem ich dann auch noch Gesang studiert habe. (lacht) Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich die Musik aufgeben könnte.

Du hast eben erzählt, dass du im November viel unterwegs sein durftest und viel gearbeitet hast. Was hilft Dir nach solchen anstrengenden Tagen, um am Besten auf andere Gedanken zu kommen? 

Ich lebe hier in einem familiären Kontext mit zwei elfjährigen Mädchen und meinem Freund. Hier spielen wir sehr gerne. Das hilft mir auf jeden Fall sehr. Bevor ich im letzten Jahr an Corona erkrankt bin, war ich sehr oft joggen. Das kann ich nun leider nicht mehr.

“Chorleitung war dabei immer für mich etwas, von dem ich dachte, das schaffe ich sowieso nicht. Ich habe sehr gerne und sehr viel in Chören gesungen, aber mein Eindruck war immer, dass man für hierfür genial sein muss. Und, dass ich das nicht bin.”

(Franziska Kuba)

Bist du an Long-Covid erkrankt?

Ja, wahrscheinlich habe ich das. Zumindest kann ich seitdem nicht mehr richtig joggen gehen. Im Moment fange ich langsam wieder an und das hilft mir auch sehr. Was mir allerdings wirklich hilft ist, wenn ich selbst singe – also mit mir selbst musiziere. Und natürlich auch Spaziergänge.

Um ganz kurz an dieser Stelle auf die Vorbereitung zurückzukommen: Heißt das, dass du in den Probe-/ Konzertvorbereitungen gar nicht immer selbst aktiv singst? Ich habe auf deinem Blog „Innere Winterreise“ gelesen, dass du in der Vorbereitung dir einzelne Stelle herausnimmst und mit sie am Klavier übst, sie harmonisierst, singst, etc. Heißt das, dass das aktive Singen gar nicht zwangsläufig Teil deiner Vorbereitung ist?

Wenn ich mich auf Konzerte vorbereite, sitze ich eigentlich immer an meinem Flügel. Dort spiele ich dann die Sachen und singe auch dazu. Aber es ist nicht das gleiche Singen, wenn ich das Notenpult aufstelle und mich dahinter stelle. Es ist eher ein „vor mich hinsingen“ und ein Töne üben.

Alltag als freiberufliche Dirigentin

Hast Du einen bewusst gewählten freien Tag in der Woche? Wie leicht fällt es Dir guten Gewissens diesen Tag auch wirklich frei zu halten? 

Nein, ich arbeite jeden Tag. Ich glaube das hat nicht nur konstruktives im Leben, sondern auch etwas destruktives.

Wie schaffst du es dann die Waage zu halten?

Wenn du meine Familie fragen würdest, würden sie antworten: das schaffe ich nicht. (lacht)

Aktuell schaffen es die Lockdowns. Dadurch, dass wir aktuell gefühlt ein halbes Jahr nur arbeiten dürfen und die andere Hälfte nicht, schaffe ich es in dieser Zeit zur Ruhe zu kommen.

Darüber hinaus habe ich mir angewöhnt zwei Wochen Urlaub am Stück im Sommer zu machen – ohne zu arbeiten. 

Es gibt Zeiten, da merke ich, dass ich innerlich aufgerieben bin und dann sehr schnell wütend werde. Dann merke ich schon, dass da jemand hämmert und sagt „mach mal Pause“. Dann schaffe ich es meistens schon mich abzugrenzen und mal einen Tag auf dem Sofa zu verbringen. Oder mich mit meinem besten Freund Philip Frischkorn zu treffen, mit dem ich die Innere Winterreise gemacht habe, und der selbst auch Jazzpianist ist. Wir musizieren dann beiden zusammen.

Franziska Kuba Dirigentin (© Jörg Singer)
Franziska Kuba (Copyright © Jörg Singer)

Ja, ich glaube es ist insgesamt als Selbständige*r schwierig seinen Alltag zu strukturieren und vor allen Dingen früh genug die Signale des Körpers zu bemerken. Wie du gerade beschreibst, ist man ja durch die Pandemie und den Lockdown gezwungen einen bestimmten Rhythmus einzuhalten. In dem Fall bestimmt aber ein äußerer Einfluss ihn und nicht man selbst. Hier einen eigenen Ablauf zu finden ist sicher eine Aufgabe, die sehr viel Zeit benötigt. Mir selbst geht es da ähnlich.

Ja, das ist schwierig eine Struktur zu finden, die andere ja automatisch durch Bürozeiten zum Beispiel bekommen. Ich habe in den Jahren, seit denen ich mit dieser Freiheit konfrontiert bin, festgestellt, dass ich das gar nicht so sehr brauche. Ich merke richtig, wie ich mich total daran gewöhnt habe inzwischen. 

Natürlich ist es auch eine Frage der Selbstdisziplin. Aber ich habe mich so daran gewöhnt beispielsweise spontane Verabredungen zum Joggen zu machen und dann danach wieder zu arbeiten. Ich finde es wunderbar, dass ich das so kurzfristig fügen und regeln kann. Und, dass ich immer zu Sachen ja sagen kann.

Absolut. Ich mag diese Freiheit auch. Andererseits bedeutet Freiheit natürlich auch eine große Selbstdisziplin, wie du gerade auch schon gesagt hast. Vielleicht fehlt es mir davon in schlechten Wochen einfach ein bisschen.

Ja, aber diese schlechten Wochen gehören ja auch einfach dazu. Am Ende üben wir ja einen kreativen Beruf aus und wenn wir uns nicht den Raum geben würden für die schlechten Phasen, wie sollte das dann funktionieren? Man braucht die Freiheit zum Denken und zum Entfalten.

“Ja, das ist schwierig eine Struktur zu finden, die andere ja automatisch durch Bürozeiten zum Beispiel bekommen. Ich habe in den Jahren, seit denen ich mit dieser Freiheit konfrontiert bin, festgestellt, dass ich das gar nicht so sehr brauche.”

(Franziska Kuba)

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Vom Gefühl der Unzulänglichkeit

Das ist doch dann eine schöne Überleitung, die du mir hier gerade bereitest. Du hattest eben bereits deinen besten Freund Philip Frischkorn angesprochen, mit dem du die Innere Wintereise gemacht hast. In eurem Blog habe ich ein wunderschönes Zitat gefunden: „Erwäge die Möglichkeit, dass die Vollkommenheit in der Unvollkommenheit liegt.“ Das spiegelt ja genau das wider, wovon wir es gerade hatten, nämlich diesen Umgang mit schlechten Wochen. Du schreibst dann weiter, dass du manchmal „das schlechte Gefühl von Unzulänglichkeit“ hast. Hast du inzwischen einen Weg gefunden mit dieser Unsicherheit umzugehen?

Das ist eine sehr persönliche Frage (lacht). Ich hatte ganz vergessen, dass ich diesen Spruch darin geschrieben hatte – vielleicht sollte ich die Innere Winterreise mal wieder lesen. 

Ich habe das Gefühl, dass ich den ganzen Tag daran arbeite meine Unzulänglichkeiten auszubügeln. Ganz offensichtlich kann ich diese Unvollkommenheit für mich noch nicht ganz annehmen. Ich denke aber auch, dass dies eine Lebensaufgabe ist. Und ich glaube, es ist auch eine Lebensaufgabe, für ganz viele Menschen, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die man noch nicht kann – um dann, hoffentlich, immer mehr daran zu wachsen.

Ich merze meine Unzulänglichkeiten vor allem darüber aus, dass ich sehr viel lese, mich informiere und musikalische Phänomene oder Komponist*innen erforsche. Auf eine Art und Weise, dass ich für mich merke: das gibt mir Sicherheit.

Ich hatte mal eine Situation, da hatte ein sehr erfolgreicher Dirigent (circa Anfang 60 – toller Musiker und toller Probemensch) mit mir angefangen über Johann Sebastian Bach zu diskutieren. Gerade kurz vor meiner Menstruation, in der ich immer unzulänglicher als sonst bin. Er fing dann mit mir zu reden und ich verstand damals gar nicht so genau, wieso er meine Interpretation so misslungen fand. Mehr und mehr wandelte sich das Gespräch in einen Monolog und der Dialog fiel komplett aus. 

Er hatte mir dann, anhand mehrerer Kompositionen von Bach deutlich gemacht, dass meine Ansicht nicht durchdacht ist. Dass sie nur gefühlt sei. Ich fing daraufhin an zu weinen – vor einem Rundfunkchor (lacht). Im Nachgang tat es mir allerdings gut, dass er mir so deutlich vor Augen geführt hatte, dass ich so wenig weiß. Es gab mir letztlich den Impuls sehr viel mehr wissen zu wollen. Und es gab mir den Impuls – wenn ich Interpretationen habe – diese immer begründen zu können. Nicht nur durch das Lesen, sondern natürlich auch emotional.

Gleichzeitig hat es mir auch gezeigt, dass ich noch einen sehr langen Weg gehen werde. Einen Weg, auf dem ich mir diese Unzulänglichkeiten auch verzeihen möchte. Und damals, ich glaube ich war etwa 27, eben noch nicht Dinge so wissen kann, wie ich sie (hoffentlich) mit 60 Jahren weiß. Einfach weil ich bisher nur eine begrenzte Zeit hatte, in der ich mich habe informieren könne. Ich glaube, mit 60 Jahren möchte ich auch so informiert sein. (lacht)

“Erwäge die Möglichkeit, dass die Vollkommenheit in der Unvollkommenheit liegt.”

(über dem Badezimmerspiegel von Franziska Kuba)

Das ist auf jeden Fall ein schönes Ziel mit 60 Jahre die „weiße Greisin“ zu sein, die den Leuten etwas über Bach zu erzählen hat. Hast du manchmal auch dieses typische „Hochstapler-Syndrom“ oder ist diese Phase inzwischen vorüber?

Es hat sich innerlich bei mir schon gesetzt. Ich weiß, dass ich sehr viel kann und auch auf sehr viel zurückgreifen kann. Also an: Knowhow, an gewissen Fertigkeiten und immer an ein bestimmtes Level von „ich kann Dinge höre“. Aber, dass mir irgendjemand mal dabei ertappt, dass ich nichts kann, davor habe ich immer Angst.

Als ich angefangen habe zu dirigieren hatte ich allerdings viel öfter dieses Gefühl. Zum Glück wurde das weniger. 

Wie bist du in dieser Zeit, im Vergleich zu heute, mit Fehlern umgegangen?

Also ich erinnere mich an sehr viele, sehr lange Gespräche mit Freund*innen, die bei mir z.B. im Chor gesungen haben. Mit denen habe ich mich dann, nach einer solchen Probe, bis nachts zwei Uhr, draußen in der Kälte unterhalten. Ich habe vor allen Dingen versucht mir viel Feedback einzuholen.

“Ich merze meine Unzulänglichkeiten vor allem darüber aus, dass ich sehr viel lese, mich informiere und musikalische Phänomene oder Komponist*innen erforsche. Auf eine Art und Weise, dass ich für mich merke: das gibt mir Sicherheit.”

(Franziska Kuba)

„Die Frau am Pult“

Du hattest eben den Dirigenten angesprochen – und ohne darauf weiter groß eingehen zu wollen ist dies ein schönes Stichwort. 

In der Vorbereitung habe ich ein Interview mit der australischen Dirigentin Simone Young gehört, die meinte bzgl. Ihrer Rolle als Frau und Dirigentin, dass sie, wenn junge Frauen mit der Fragestellung „wie setzte ich mich durch“ zu ihr kommen, sie wieder zur Tür bittet. Hast du das Gefühl, dass die Rolle der Frau in der Musikwelt inzwischen so gleichberechtigt ist oder würdest du dir mehr Support von Protagonistinnen wie Simone Young wünschen?

Ja, ich glaube so setzt sie sich durch. (lacht) Natürlich höre ich immer wieder solche Beispiele, allerdings merke ich das selbst gar nicht so. In der Vergangenheit habe ich schon öfters gemerkt, dass ich aus diesem Frau-Mann Prinzip scheinbar herausgenommen werde. 

Kannst du erklären, warum das so ist?

Vielleicht liegt es an den kurzen Haaren? Ganz ehrlich, ich weiß nicht, woran es liegt. 

Obwohl ich es nicht in den Proben habe, würde ich allerdings schon sagen, dass ich strukturell benachteiligt bin als Frau. Und ich höre natürlich auch immer wieder von solchen Vorfällen. Vor kurzem war ich mit einem Sänger aus einem Rundfunkchor spazieren, der mir eine solche Situation schilderte:

Zu Gast war eine Dirigentin, die mein Bekannter einfach großartig fand. Er beschrieb dann, wie einige seiner älteren Kollegen ihr nicht zuhörten. Oder wie sie sich zwischendurch unterhielten. Die Dirigentin meinte dann wohl, im Anschluss an das Projekt, dass sie zu diesem Chor nie wieder gehe. 

Leider kann ich mir das richtig gut vorstellen. Es gibt leider solche Menschen. Man kann nicht über Gleichberechtigung reden und solche Sätze fallen bei professionellen, akademischen Rundfunkeinrichtungen. Einrichtungen, die am Ende auch von uns allen gezahlt werden. Das hat mich wirklich traurig gemacht. 

Nochmal: Ich selbst bekomme das, Gott sei Dank, gar nicht mit. Aber ich glaube das passiert.

Würdest du dann sagen, dass dies ein Generationenproblem ist?

Ist es eine Generationsfrage? Ja, ich denke schon. Mein Bekannter aus dem Rundfunk berichtete auch, dass seine jüngeren Kollegen, die gerade aus der Hochschule kommen, so etwas nie sagen würden. Und ich glaube schon, dass die Generation, die gerade heranwächst, sich gar nicht trauen würde so etwas zu sagen. Und, dass diese Dreistigkeit eher etwas ist, dass sich in älteren Generationen finden lässt. Natürlich auch nicht bei allen! Das weiß ich ja, ich kenne super viele Gegenbeispiele.

Aber es sich nicht trauen zu sagen, heißt ja noch nicht, dass man sich nicht auch im stillen Kämmerchen wünscht, dass vorne am Pult besser ein Mann stehen würde?

Ich möchte hier gar nicht so negativ drauf blicken. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es immer Leute gibt, die überhaupt nicht so denken und es wirklich anders sehen. 

Ich persönlich merke in meiner Arbeit, dass ich mich in den Ensembles in dieser Richtung gar nicht diskriminiert fühle. Also in dem Moment, wo ich schon vorne am Pult stehe und die strukturelle Diskriminierung bereits übergangen habe.

Ja, wohlmöglich findet hier gerade wirklich ein Generationenwechsel statt.

Ja, vielleicht. Es braucht auf jeden Fall Vorbilder. Und das ist ein ganz schöner Ansporn dran zu bleiben.

Hast du selbst dann auch speziell weiblich gewählte Vorbilder?

(Überlegt) Ich habe nicht so viele Vorbilder. Ich habe ganz viele Frauen, die ich fantastisch finde.

Aber das ist ja auch auf eine Art ein Vorbild. Möglicherweise schreckt das Wort etwas stark ab? Vielleicht bist auch selbst für einige junge Dirigent*innen bereits ein Vorbild?

Genau (lacht). Ich scheue mich immer davor das zu sagen. Weil, ich kenne so viele richtig gute weibliche Dirigent*innen, aber ich kenne auch genauso richtig viele gute männliche Dirigent*innen – und vielleicht auch non-binäre. Aber das mit den Vorbildern schreckt mich ab, weil ich bei niemandem sagen würde „genauso will ich sein“.

Ich glaube wir meinen das Gleiche – drücken es allerdings gerade unterschiedlich aus. 

“Es kochen alle mit Wasser.”

(Franziska Kuba)

Was lernst (übst) Du gerade, was Du noch nicht kannst? (auch gerne nicht musikalisch)

Singen (lacht). Und Klavier spielen.

Also etwas Berufliches in beiden Fällen?

Ja, weil du fragst, was du übst.

Ok, oder gerne auch lernst. Ich dachte nur, weil gerade Lockdown ist, dass du beispielsweise gerade eine Sprach lernst oder Ähnliches?

Ja, insofern. Ich sitze gerade an einer Dissertation und das kann ich noch nicht so gut.

Worüber promovierst du?

Ich bin in noch keinem Promotionsverfahren aufgenommen worden. Aber ich sitze in einem Kolloquium in Freiburg. Dort sitze ich gerade an dem Antrag, dass ich in ein Verfahren aufgenommen werde zum Thema „Fachmethodik Chordirigieren“. Das wäre dann eine qualitative, empirische Forschungsarbeit. Das kann ich noch nicht so gut – aber ich übe.

Welchen Tipp würdest Du Deinem jüngerem, Erstsemester-Musikstudenten-Ich gerne mitgeben, um den Du damals froh gewesen wärst ? 

Es kochen alle mit Wasser. Und man sollte sich nicht so fertig machen lassen.

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