Wie geht S.M.A.R.T Üben?
S.M.A.R.T üben
Dezember 2, 2020
Wie übt eigentlich Julia Hagen?
Wie übt eigentlich Julia Hagen?
Januar 24, 2021

Alle tun es, doch es scheint, als möchte niemand allzu gerne darüber sprechen. Üben. Musiker*innen verschiedenster Genres verbringen im Laufe ihrer Karriere Tausende von Stunden mit ihrem Instrument, ohne dabei wirklich regelmäßig den Austausch zu anderen zu suchen und zu erfragen, was er oder sie denn gerade so übe. Der Prozess musikalischer Weiterentwicklung versteckt sich hinter einer großen Portion Mystik, deren Schleier niemand recht lüften möchte. Sei es aus Scham, Konkurrenzdenken oder schlicht weil man nie so recht auf dieses Thema zu sprechen kommt.

Doch wäre es nicht gerade interessant zu wissen, was der Kommilitone, der Mitspieler*in oder Freund*in in Verein und Band gerade so an seinem Instrument erarbeitet? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eventuell selbst gerade das Gleiche übt und gegenseitig von Tipps und Ratschlägen profitieren könnte? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein erfahrener Spieler einem selbst neue Inspiration und Impulse für die nächste Übesession geben kann, einem ein neues Stück zeigt oder man durch das Gespräch einen neuen Spieler kennenlernt?

All diese Fragen, die sonst viel zu selten gestellt werden möchte ich in Zukunft regelmäßig in der Reihe „Wie übt eigentlich…?“ versuchen zu beantworten. Denn von anderen lernen heißt auch immer über sich selbst etwas zu erfahren.

Diesen Monat: Martin Hutter

Martin Hutters Tätigkeit als Musiker und Trompeter könnte man recht zweifelsfrei auch in einem Wort beschreiben: Weltenbummler.

Seit nunmehr zehn Jahren ist er Gründungsmitglied und Trompeter der Brass-Band “MOOP MAMA”. Gleichzeitig kann man ihn aber ebenso leidenschaftlich bei “Ernst Hutter & Die Egerländer Musikanten – Das Original” hören. Auch in der SWR Big Band trifft man ihn hin und wieder an. Kurzum ein viel beschäftigter Musiker, der in der übrigen (knappen) freien Zeit, auch gerne noch Workshops gibt und sein Wissen um die Trompete an andere Musiker vermittelt.

Darüber hinaus ist Martin seit zwei Jahren im familieneigenen Label HUTTER MUSIC aktiv.

Mehr Infos zu ihm gibt’s unter www.martinhutter.com

Das Interview

Vervollständige folgenden Satz: Üben heißt für Dich…. 

Seine Routine täglich zu wiederholen und sich als Instrumentalist täglich optimieren zu wollen.

Welche Musik (Album / Künstler) läuft bei dir gerade in Dauerschleife ? 

Momentan alles was mit der Band „BrassTracks“ zu tun hat.

Welche CD hat Dich musikalisch (auf Dein Spiel bezogen) am meisten geprägt ? 

Das ist für mich sehr schwer zu beantworten, da ich von klein auf unzählige, verschiedene Musikrichtungen gehört habe. Ich kann gerne einige Trompeter, die es mir sehr angetan haben, erwähnen: Bobby Show, Chuck Findley, Derek Watkins, Wayne Bergeron, Miles Davis, Freddie Hubbard … 

Die Alben von Bobby Shew & Chuck Findley mit dem Metropole Orkestra hab ich vermutlich an die 1.000x gehört. Die haben mich sicher geprägt, da ich ein ganz großer Fan von ihrem Trompetenspiel bin.

Du bist aktuell mit Eurem Verlag „Hutter Music“ sehr aktiv und ansonsten das Jahr über viel mit Moop Mama auf Tour. Da klappt das Planen der Übezeit, so wie man es sich gerne wünscht, sicher nicht immer. Hast Du an solchen Tagen eine „Minimal-Routine“, auf die Du dann zurückgreifst ? 

Das ist in der Tat hin und wieder sehr spannend die Zeit fürs Instrument effektiv zu nutzen. Aber ich habe mir ein Übeprogramm entwickelt, das mir hilft schnell zwischen all meinen Welten als Musiker & Trompeter zu wechseln. Bei mir geht es hier viel um mentale Vorbereitung, deswegen gilt für mich die Zeit am Rechner, oder auf Tour sinnvoll zu nutzen, in dem ich ständig Musik höre. Ich weiss genau, welche Musik mich fürs Instrument sensibilisiert und gerade in solchen Stresssituationen hilft mir diese Musik für die Übeeinheit vorbereitet zu sein.

“Ich musste auch lernen Fehler zuzulassen und umso besser das jemandem fällt, desto einfacher wird es zu wachsen.”

(Martin Hutter)

Wie gehst du mit Fehlern um ? 

Fehler gibt es? Spaß beiseite. Eine meiner Regeln lautet tatsächlich „lass Fehler zu“.
Auch ich bin oft genug nervös vor heiklen Passagen, aber im Umkehrschluss weiss ich immer, was ich in den letzten 15 Jahren als Profi gemacht habe: Spiel ich für mich ein super Konzert, fahre ich nach Hause und möchte das noch besser hinbekommen. Spiele ich ein für mich schlechtes Konzert mit „Fehlern“, passiert dasselbe. Ich musste auch lernen Fehler zuzulassen und umso besser das jemandem fällt, desto einfacher wird es zu wachsen.

Die andere Frage ist: Was sind Fehler? Sind Fehler falsche Töne oder die Herangehensweise wie ich Musik mache? Als Zuhörer ist für mich eher das Zweite ein großer Kritikpunkt, aber auch an mich selbst. Fehler sind dazu da um zu wachsen und das verstehe ich eher positiv 🙂 Deswegen gibt es tonal keine Fehler. Man muss immer zwischen den Zeilen lesen und sich auf die Musik konzentrieren.

Viele kleine Übe-Einheiten oder lieber ein paar längere am Stück ? Und warum ?

Regeneration ist ebenso wichtig wie die Zeit am Instrument. Wenn nicht sogar einen Tick wichtiger. Es gibt ganz verschiedenen Möglichkeiten, aber ich präferiere ganz klar kleine Übe-Einheiten von 30 Minuten, die aber ebenso kleine Pausen beinhalten. Gerade wenn nicht viel Zeit ist sich vorzubereiten, sollte man sich niemals zwingen und „over the top“ gehen. 


Musenküsse für's Notenpult - Postkarten für den guten Zweck

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Dieser Blog ist entstanden aus meiner Bachelor-Arbeit an der Hochschule der Künste in Bern und trägt sich leider noch nicht selbst. Mit der Aktion “Musenküsse für’s Notenpult – Postkarten für den guten Zweck” möchte ich die Arbeit des SOS-Kinderdorfs Frankfurt-Sossenheim unterstützen. Im dortigen SOS-Kinder- und Familienzentrum werden unter anderem Kreativ- und Musikkurse angeboten, um den Kindern und Jugendlichen den Zugang zum Erlernen eines Musikinstrumentes zu ermöglichen. Von jedem erworbenen Postkarten-Set gehen 10% an das SOS-Kinderdorf.
Gleichzeitig erlauben die Postkarten es mir, auch weiterhin an diesem diesem Blog zu arbeiten und seine Unkosten zu decken.


Übst Du Gehörbildung, Harmonielehre oder Rhythmik noch gesondert in Deiner Überoutine ? Oder falls nicht, wie schaffst Du es, bewusst diese Bereiche in Dein Üben einzubauen ?

Ich trainiere eigentlich nur meine Physis, aber klar mit Metronom und Groove. Meine Gehörbildung übe ich in dem ich ständig Musik höre. Hin und wieder schmeiss ich mich ins kalte Wasser und versuche Jazz Standards über die Anlage laufen zu lassen und beginne ohne Noten das zu erörtern. Aber Gehörbildung habe ich das letzte Mal in der Hochschule gemacht.

Wie schaffst du es / Wie hast du es geschafft Dein Üben langfristig zu strukturieren ?

Über die Jahre habe ich mein „Workout“ und Übungen für bestimmte Bereich zusammengestellt, aber suche auch täglich nach neuen Hilfsmitteln. Ein Tagebuch in diesem Sinn habe ich nie geführt, aber über die Jahre wurde meine Struktur immer klarer, welche ich jetzt auch als Heft Band 1 veröffentlichten werde. Aber das dauert noch bis Januar. Aber es geht bei mir zu 80 Prozent um mentales Training.

Wie hat sich das Üben im Laufe Deiner Musiker-Karriere verändert ? 

Eigentlich recht radikal. In jungem Alter habe ich nie geübt. Da bin ich nur zum Üben in den Keller, damit meine Eltern nicht sauer wurden. Hier habe ich nie mit Fokus auf bestimmten Regeln geübt, sondern einfach nur gedaddelt. Irgendwann habe ich das aber umgestellt und festgestellt, wie schnell man (wenn man diszipliniert ist) mit bestimmten Regeln ans Ziel kommen kann. Seither macht mir das großen Spass. Also eigentlich wirklich radikal geändert. Aber auch die Einteilungen ändern sich immer wieder. Ich probiere gerne neue Sachen aus und wir müssen uns immer wieder anpassen, da wir uns auch ändern.

Seit kurzen kann man sich von Dir regelmäßig Übetipps über Deinen Patreon-Kanal holen. Hast Du den Eindruck, dass sich durch diese Beschäftigung (oder durch Unterrichten allgemein) Dein Üben verändert hat ? 

Mir hat schon immer alles, was mit meinem Instrument zu tun hat, Spaß gemacht. Somit auch das Unterrichten. Ich liebe es anderen dabei zu helfen sich schnell zu optimieren. Für mich sind diese Momente sehr wichtig, da sie meine Methode entweder bestätigen oder mir selbst dabei helfen den Fokus zu erlangen. Aber das kommt ganz darauf an, wie man persönlich dazu steht. Wie gesagt, macht mir eigentlich alles großen Spaß.

Hast Du eine bestimmt Routine, mit der Du an ein neues Stück, das Du gerne lernen möchtest, herangehst ? 

Auf jeden Fall. Wenn ich mir das Stück anschaue, weiß ich welche Übungen ich zu üben habe, damit es mir leichter fällt. Angenommen man entscheidet sich für den „Hummelflug“ gibt es für mich nur „CLARKE“. Entscheide ich mich für Gordon Goodwins Big Band Charts, weiss ich auch was ich zu tun habe: „Caruso“, „Stamp“ und vieles mehr 🙂

Üben sollte ja nicht nur monotones Wiederholen, sondern im besten Fall auch Abwechslung und Kreativität sein. Was war die letzte (neueste) Idee, die Du bei deinem eigenen Üben in letzter Zeit ausprobiert hast ?

Ich lege mir sehr sehr gerne eigene Übungen auf. Die letzte Übung war eine echt coole Flexibilitätsübung, in der ich alles reingepackt hab, was ich trainieren muss. Höhe, Anstoss, Technik, Triolenzunge, … Insgesamt geht diese Übung durch alle Tonarten dann circa 10 Minuten. Aber man hat eigentlich alles geübt – aber sie fällt mir noch sehr schwer.

“Jedem muss klar sein, dass alles seine Zeit braucht. Das heisst man sollte immer entspannt, aber diszipliniert an sich weiter trainieren und genau das machen, was man liebt.”

(Martin Hutter)

Hast Du einen bewusst gewählten freien Tag in der Woche ? Wie leicht fällt es Dir guten Gewissens diesen Tag auch wirklich frei zu halten ? 

Diese Frage ist sehr gut. Ich hab das jahrelang immer wieder vergessen. Aber wie oben schon erwähnt, braucht man Regeneration. Ich teile mir das eigentlich so ein, wie es sich anfühlt. Aber um es an einem Beispiel zu zeigen:

Wenn dieser Optimalfall eintreten sollte schaut meine Vorbereitung für ein Konzert am Freitag so aus, dass ich Montag ganz entspannt eine Stunde übe und das jeden Tag um 15 – 30 Minuten verlängere. Am Donnerstag ist dann tagsüber eine Pause, dennoch versuche ich abends für 5 Minuten kurz ranzugehen. Entweder um das schlechte Gewissen zu besänftigen, zu sehen, dass ich tatsächlich Pause brauche, oder meine Vorfreude auf den folgenden Tag zu steigern. 

Early Bird oder lieber spät am Abend üben ? 

Ganz egal. Morgens fällt es manchmal leichter… manchmal auch nicht. Für mich ganz klar Kopfsache.

Was lernst (übst) Du gerade, was Du noch nicht kannst ? 

Momentan versuche ich meine Triolenzunge zu optimieren. Die rennt mir schon zu lange weg 🙂

Welchen Tipp würdest Du Deinem jüngerem, Erstsemester-Musikstudenten-Ich gerne mitgeben, um den Du damals froh gewesen wärst ? 

Von klein auf habe ich durch mein Vater und seine Kollegen das Privileg gehabt schon früh gute Tipps zu bekommen. Vor allem die menschlichen Tipps haben mir immer am meisten geholfen. Jedem muss klar sein, dass alles seine Zeit braucht. Das heisst man sollte immer entspannt, aber diszipliniert an sich weiter trainieren und genau das machen, was man liebt. Sei musikalisch so vielfältig, wie du sein kannst. Jede Musikrichtung (sei es Klassik, Jazz, Blasmusik, Pop), zu komponieren oder zu unterrichten hilft dir auf deinem Weg ein besserer Musiker zu werden. Es gibt keinen schlechten Input, es kommt nur darauf an, was du damit machst. 

“Es gibt keinen schlechten Input, es kommt nur darauf an, was du damit machst.”

(Martin Hutter)

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