Wie übt eigentlich Martin Hutter?
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Alle tun es, doch es scheint, als möchte niemand allzu gerne darüber sprechen. Üben. Musiker*innen verschiedenster Genres verbringen im Laufe ihrer Karriere Tausende von Stunden mit ihrem Instrument, ohne dabei wirklich regelmäßig den Austausch zu anderen zu suchen und zu erfragen, was er oder sie denn gerade so übe. Der Prozess musikalischer Weiterentwicklung versteckt sich hinter einer großen Portion Mystik, deren Schleier niemand recht lüften möchte. Sei es aus Scham, Konkurrenzdenken oder schlicht weil man nie so recht auf dieses Thema zu sprechen kommt.

Doch wäre es nicht gerade interessant zu wissen, was der Kommilitone, der Mitspieler*in oder Freund*in in Verein und Band gerade so an seinem Instrument erarbeitet? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eventuell selbst gerade das Gleiche übt und gegenseitig von Tipps und Ratschlägen profitieren könnte? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein erfahrener Spieler einem selbst neue Inspiration und Impulse für die nächste Übesession geben kann, einem ein neues Stück zeigt oder man durch das Gespräch einen neuen Spieler kennenlernt?

All diese Fragen, die sonst viel zu selten gestellt werden möchte ich in Zukunft regelmäßig in der Reihe „Wie übt eigentlich…?“ versuchen zu beantworten. Denn von anderen lernen heißt auch immer über sich selbst etwas zu erfahren.

Diesen Monat: Julia Hagen

Julia Hagen zählt sicher zu den vielversprechendsten Instrumentalist*innen ihrer Generation. Nicht nur wurde sie bereits mit zahlreichen Preisen überhäuft (z.B. den internationalen Cellowettbewerb in Liezen oder den Mazzacurati Cellowettbewerb), sondern teilte darüberhinaus ebenfalls schon die Bühne mit namhaften Künstler*innen wie Renaud Capuçon, Kathia Buniatiishvili oder Igor Levit.

Im Jahr 2019 erschien ihre erste CD mit Cellosonaten und Liedbearbeitungen von Johannes Brahms.

Mir persönlich fiel Julia Hagen das erste Mal in einem Interview zur Situation von Musiker*innen während der Corona-Pandemie auf. Gleich zwei Mal war sie bei Martin Zierolds Podcast “Wie geht’s? – Kultur in Zeiten von Corona” zu Gast. Ebenfalls eine echte Hörempfehlung.

Selbstverständlich hat Julia Hagen auch eine eigene Webseite, auf der Ihr weitere Informationen findet:

www.juliahagen.com

Das Interview

Vervollständige folgenden Satz: Üben heißt für Dich….

Üben heißt für mich: ich beschäftige mich mit Musik und/oder meinem Cello und versuche mich immer weiter zu verbessern. Technisch, musikalisch, mental. 

Welche Musik (Album / Künstler) läuft bei dir gerade in Dauerschleife ?

Keith Jarrett.

Welche CD hat Dich musikalisch (auf Dein Spiel bezogen) am meisten geprägt ?

Die Aufnahmen von meinem alten Lehrer Heinrich Schiff! Die habe ich als Kind schon rauf und runter gehört und haben mich und mein Spiel sicher sehr geprägt. 

“Ich bin ein großer Fan von vielen Pausen, um dann wieder voll konzentriert weiter üben zu können.”

(Julia Hagen)

In Zeiten, in denen Du viele Konzerte spielst und daher viel unterwegs bist, klappt das Planen der eigenen Übezeit sicher nicht immer so wie gewünscht. Hast Du an solchen Tagen eine „Minimal-Routine“, auf die Du dann zurückgreifst ?

An Konzert- oder Reisetagen spiele ich die Werke gerne einmal langsam durch. Das verschafft mir Sicherheit. 

Wie gehst du mit Fehlern um ?

Ich ärgere mich noch zu sehr über Fehler – daran versuche ich zu arbeiten. Vermeiden kann ich sie sowieso nicht, daher sollte ich sie einfach akzeptieren und mich dadurch nicht aus der Ruhe bringen lassen. 

Viele kleine Übe-Einheiten oder lieber ein paar längere am Stück ? Und warum ?

Viele kleine übe-Einheiten. Ich bin ein großer Fan von vielen Pausen, um dann wieder voll konzentriert weiter üben zu können. 


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Dieser Blog ist entstanden aus meiner Bachelor-Arbeit an der Hochschule der Künste in Bern und trägt sich leider noch nicht selbst. Mit der Aktion “Musenküsse für’s Notenpult – Postkarten für den guten Zweck” möchte ich die Arbeit des SOS-Kinderdorfs Frankfurt-Sossenheim unterstützen. Im dortigen SOS-Kinder- und Familienzentrum werden unter anderem Kreativ- und Musikkurse angeboten, um den Kindern und Jugendlichen den Zugang zum Erlernen eines Musikinstrumentes zu ermöglichen. Von jedem erworbenen Postkarten-Set gehen 10% an das SOS-Kinderdorf.
Gleichzeitig erlauben die Postkarten es mir, auch weiterhin an diesem diesem Blog zu arbeiten und seine Unkosten zu decken.


Übst Du Gehörbildung, Harmonielehre oder Rhythmik noch gesondert in Deiner Überoutine ? Oder falls nicht, wie schaffst Du es, bewusst diese Bereiche in Dein Üben einzubauen ?

Nein, das mache ich nicht mehr. Ich beschäftige mich jeden Tag mit Musik, da kann ich diese Sachen in den zu spielenden Werken üben.

Was hilft Dir, nach einem anstrengenden Tag, um am Besten auf andere Gedanken zu kommen? 

Menschen, Natur, schlafen.

Wie schaffst du es / Wie hast du es geschafft Dein Üben langfristig zu strukturieren ? 

Als Kind hatte ich ein Übetagebuch, was mir damals auch wirklich sehr geholfen hat, Konsequenz in mein Üben zu bekommen. Mein Lehrer war wirklich fantastisch und hat mein Übetagebuch so gut geführt, dass viel Abwechslung entstand und es nie stumpf und langweilig wurde. 
Je älter ich wurde, desto weniger Struktur gab es und desto weniger Struktur brauchte ich. 

“Ich liebe es cellofreie Tage einzulegen. Das ist für mich sehr wichtig und gesund.”

(Julia Hagen)

Wie hat sich das Üben im Laufe Deiner Musiker-Karriere verändert ?

Ich muss viel flexibler sein. An langen Reisetagen vor Konzerten kann ich eventuell gar nicht üben. Das musste ich lernen mir zu vertrauen, dass ich die Stücke alle gut kann und sie nicht bis kurz vor Konzert zig mal durchspielen muss.

Hast Du eine bestimmte Routine, mit der Du an ein neues Stück herangehst ?

Nein, auch hier findet man bei mir keine Routine. Manchmal höre ich mir die Stücke zuerst an, manchmal gehe ich sie Zeile für Zeile durch, manchmal strukturiere ich sie erst rhythmisch,.. viele Möglichkeiten! 

Üben sollte ja nicht nur monotones Wiederholen, sondern im besten Fall auch Abwechslung und Kreativität sein. Was war die letzte (neueste) Idee, die Du bei deinem eigenen Üben in letzter Zeit ausprobiert hast ?

Die letzte Idee, die ich ausprobiert habe, war alles im doppelten Tempo zu spielen. Man merkt dabei erstaunlich gut,  was in einer Phrase wichtig ist und welchen Noten man zu viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. 

“Ich hätte mir gesagt, dass zu sich selbst streng sein zwar gut und wichtig ist, aber dass ich auch unbedingt mit mir zufrieden sein soll und mich auch selbst loben darf.”

(Julia Hagen)

Hast Du einen bewusst gewählten freien Tag in der Woche ? Wie leicht fällt es Dir guten Gewissens diesen Tag auch wirklich frei zu halten ?

Nein, habe ich nicht. Das würde mit meinem Kalender auch nicht funktionieren, da jede Woche anders aussehen kann und ich mir keinen fixen freien Tag leisten kann. 
Ich liebe es aber Cellofreie Tage einzulegen. Das ist für mich sehr wichtig und gesund. 

Early Bird oder lieber spät am Abend üben ?

Mal so, mal so.

Was lernst (übst) Du gerade, was Du noch nicht kannst ?

Noch bessere Kontrolle über meinen Körper zu haben. Mein Kopf wackelt immer ganz fleißig mit, das sollte ich zumindest bewusst abstellen können. 

Welchen Tipp würdest Du Deinem jüngerem, Erstsemester-Musikstudenten-Ich gerne mitgeben, um den Du damals froh gewesen wärst ?

Ich hätte mir gesagt, dass zu sich selbst streng sein zwar gut und wichtig ist, aber dass ich auch unbedingt mit mir zufrieden sein soll und mich auch selbst loben darf.


Foto-Copyright “Pressefoto Julia Hagen” by Julia Wesely

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