Üben im Flow
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Wie übt eigentlich Anton Richter?
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Alle tun es, doch es scheint, als möchte niemand allzu gerne darüber sprechen. Üben. Musiker*innen verschiedenster Genres verbringen im Laufe ihrer Karriere Tausende von Stunden mit ihrem Instrument, ohne dabei wirklich regelmäßig den Austausch zu anderen zu suchen und zu erfragen, was er oder sie denn gerade so übe. Der Prozess musikalischer Weiterentwicklung versteckt sich hinter einer großen Portion Mystik, deren Schleier niemand recht lüften möchte. Sei es aus Scham, Konkurrenzdenken oder schlicht weil man nie so recht auf dieses Thema zu sprechen kommt.

Doch wäre es nicht gerade interessant zu wissen, was der Kommilitone, der Mitspieler*in oder Freund*in in Verein und Band gerade so an seinem Instrument erarbeitet? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eventuell selbst gerade das Gleiche übt und gegenseitig von Tipps und Ratschlägen profitieren könnte? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein erfahrener Spieler einem selbst neue Inspiration und Impulse für die nächste Übesession geben kann, einem ein neues Stück zeigt oder man durch das Gespräch einen neuen Spieler kennenlernt?

All diese Fragen, die sonst viel zu selten gestellt werden möchte ich in Zukunft regelmäßig in der Reihe „Wie übt eigentlich…?“ versuchen zu beantworten. Denn von anderen lernen heißt auch immer über sich selbst etwas zu erfahren.

Diesen Monat starten wir mit: Stefan Schultze

Stefan Schultze zählt sicherlich zu den facettenreichsten und spannendsten Künstlern der deutschen Jazzszene. Und das sowohl als Komponist mit seinem Large Ensemble, als auch als Solo-Künstler. Neben seinen eigenen Projekten arbeitete er unter anderem auch schon mit der WDR-Bigband oder dem Metropole Orchestra zusammen. Mehr Infos zu Stefans Biographie gibt’s selbstverständlich auf seiner Homepage: www.stefanschultze.com

Darüber hinaus ist er auch seit einem Jahr als Pädagoge an der Hochschule der Künste in Bern tätig. 

Mich freut es ganz besonders, dass diese Reihe mit Stefan beginnt, da er Mentor meiner Bachelor-Arbeit zum Thema Üben war und auch hier stets mit unglaublich interessanten Ideen aufwarten konnte. Dass mich dieses Thema letztlich so fasziniert hat, dass daraus dieser Blog entstanden ist, ist gewiss daher auch sein Verdienst. 

Das Interview

Vervollständige folgenden Satz: Üben heißt für Dich….

Freiheit erlangen.

Welche CD hat Dich musikalisch (auf Dein Spiel bezogen) am meisten geprägt ?

Ein Album, auf das ich immer wieder zurückkomme ist You Must Believe in Spring (Bill Evans). Ich finde die Soundkultur und das Gefühl der Offenheit sehr inspirierend.

Gibt es ein Buch, welches Deine Übestrategien / Herangehensweise ans Üben nachhaltig beeinflusst oder vielleicht sogar verändert hat ?

Es gibt viele interessante Bücher, nachhaltig beeinflusst beim Üben hat mich jedoch eher der Austausch mit anderen Musiker*innen.

Nicht immer klappt das Planen der Übezeit, so wie man es sich vorstellt. Man muss viel reisen, möchte gerne Zeit für die Familie freihalten oder hat aus anderen Gründen keine Zeit sein volles Übeprogramm zu absolvieren. Hast Du an solchen Tagen eine „Minimal-Routine“, auf die Du dann zurückgreifst ?

Ich hatte eine solche Routine für sehr lange Zeit. Ich hatte diese dann auch so angepasst, dass ich an kurz- und langfristigen Zielen arbeiten kann. Vor allem hatte ich mich dort auf Basics konzentriert. 

Manchmal gibt es aber auch Tage, an denen einfach nichts ansteht und man Zeit und Lust zum Üben hat. Kannst Du beschreiben, wie ein solcher Tag dann bei dir aussieht?

Wenn ich alleine an Dingen arbeite, entstehen oft Wechsel von verschiedenen Beschäftigungsbereichen, die in meinem Falle auch oft mit dem Material zu tun haben, das ich zu dem Zeitpunkt gerade komponiere und dass ich dann versuche auf die verschiedenen anderen Bereiche auszudehnen um mich möglichst umfangreich einem bestimmten Thema anzunähern.

“Üben heißt für mich Freiheit erlangen.”

(Stefan Schultze)

Wie gehst du mit Fehlern um ?

Ganz global versuche ich Fehler untersuchend zu verstehen. Je nachdem in welchem Übe-Kontext man sich befindet kann ein Fehler wirklich ein Fehler sein, den man eliminieren möchte / muss, um ein Ziel zu erreichen. In dem Falle versuche ich einen Weg dafür zu finden. Manchmal kann es aber auch einen überraschenden / positiven Impuls geben, wenn etwas passiert, was man selbst so nicht geplant hatte. Da versuche ich mir die nötige Offenheit zu bewahren.

Viele kleine Übe-Einheiten oder lieber ein paar längere am Stück ? Und warum ?

Ich übe oft in 45 – 60 minütigen Einheiten. Wenn ich jedoch in einen Fluss dabei komme und feststelle, dass dies eine sehr gute Energie erzeugt, lasse ich es laufen. Oder anders herum, manchmal warte ich genau auf solch einen Fluss. Dieser ist auch extrem wichtig für das Komponieren, das natürlich bei mir als Komponist auch einen großen Teil meiner Zeit einnimmt.

Übst Du Gehörbildung, Harmonielehre oder Rhythmik noch gesondert in Deiner Überoutine ? Oder falls nicht, wie schaffst Du es, bewusst diese Bereiche in Dein Üben einzubauen ?

Ja, ich versuche immer Themen zu finden, die ich gesondert üben kann.

„Grundsätzlich würde ich vielleicht gar nicht ans Üben denken, sondern ans Musizieren.“

(Stefan Schultze)

An manchen Tagen will einfach mal nichts so gelingen, wie man es gerne möchte. Womit schaffst Du es auf andere Gedanken zu kommen ? 

In solch einem Fall ist es für mich am besten, mich von dem Prozess eine Weile zu „entfernen“, so dass der Geist loslassen kann.  Freunde treffen / Sport machen etc…

Wie hat sich das Üben im Laufe Deiner Musiker-Karriere verändert ?

Es ist weniger fest geworden. Jede Beschäftigung mit Musik kann für mich einen sinnvollen Übecharakter haben. Grundsätzlich würde ich vielleicht gar nicht ans Üben denken, sondern ans Musizieren, beziehungsweise an die Beschäftigung mit Musik durch verschiedene Formen. Für mich öffnet sich dann ein etwas weiterer Raum, eine Art Musizierzeit, zu der dann auch das aktive Hören, Lesen, Komponieren, Improvisieren, Musikmachen in der Gruppe etc. dazuzählt.

Hast Du eine bestimmt Routine, mit der Du an ein neues Stück, das Du gerne lernen möchtest, herangehst ?

Ich habe keine feste Routine aber ich finde es gut mit einer Aufnahme zu starten und dann verschiedene Blickwinkel / Methoden wählen und einkreisend an das Thema heranzugehen.

Üben sollte ja nicht nur monotones Wiederholen, sondern im besten Fall auch Abwechslung und Kreativität sein. Was war die letzte (neueste) Idee, die Du bei deinem eigenen Üben in letzter Zeit ausprobiert hast ?

In letzter Zeit habe ich – vor allem, weil ich aufgrund von COVID19 weniger in meinem Proberaum war, vermehrt den Computer beim Üben eingesetzt und verschiedene Programme dazu ausprobiert. Besonders das Auswerten der Midi-Daten beim Üben kann sehr aufschlussreich sein und man kann im Vergleich zu Audio-Aufnahmen, sehr detailliert an verschiedenen Dingen arbeiten, besonders weil man Nachhinein die Daten ändern kann.

Hast Du einen bewusst gewählten freien Tag in der Woche ? Wie leicht fällt es Dir guten Gewissens diesen Tag auch wirklich frei zu halten ?

Nein.

Early Bird oder lieber spät am Abend üben ?

Early Bird.

Welchen Tipp würdest Du Deinem jüngerem, Erstsemester-Musikstudenten-Ich gerne mitgeben, um den Du damals froh gewesen wärst ?

Tauscht euch mit euren Kommiliton_innen über den Übeprozess aus. Man sollte als junger Studierender keine Scheu haben, anderen zu erzählen, was man übt. Alle üben und lernen immer weiter und jeder muss seinen eigenen / individuellen Prozess finden.


Euch gefällt, was Ihr hier ließt ?

Dieser Blog ist entstanden aus meiner Bachelor-Arbeit an der Hochschule der Künste in Bern und trägt sich leider noch nicht selbst. Ich freue mich also über jede einzelne, kleine Unterstützung.

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